„Gärten sind lebendig. Sie sind einfach spannend.“

GRÜNES BLUT trifft den ehemaligen hessischen Gartendirektor Dr. Bernd Modrow in seinem Garten auf der Insel Usedom, die in den letzten Jahren nach der Verrentung seine Heimat geworden ist.


 

Mit Herrn Dr. Modrow wurde mein Herz grün. Bereits ernsthaft in Gärten verliebt, war er mein erster Kontakt in die Gartenwelt. Damals gab er an der Goethe-Universität Frankfurt als ehemaliger Gartendirektor der hessischen Schlösser- und Gartenverwaltung Seminare für Gartenkunst und befeuerte meinen Gedanken, parallel zu meinem Studium eine Lehre zur Gärtnerin zu absolvieren. Seitdem sind rund zehn Jahre vergangen und es freute mich sehr, dass er nach dieser langen Zeit sofort bereit war, bei meinem Projekt “Grünes Blut” mitzumachen.
Bevor wir mit dem Interview beginnen, begeben wir uns bei allerschönstem Herbstwetter auf einen Rundgang durch seinen Garten. Ich war mehr als gespannt, was ein Gartendirektor für einen Garten planen und anlegen würde … Das Grundprinzip bei der Planung sei für ihn, ganz Landschaftsgarten-like, gewesen, Kulissen zu bilden, also Pflanzungen in den Gartenraum hinein zu führen und so das 130 m lange und 30 m breite Grundstück weiter erscheinen zu lassen.
Bei unserem Rundgang wird spürbar, welch hohen emotionalen Wert die Gehölze in seinem Garten für Herrn Dr. Modrow besitzen. So kaufte er in einem Supermarkt kurzentschlossen 100 Buchspflänzchen und brachte Sie im unteren Teil seines Gartens als Beetumpflanzung ein. Seine vier Maulbeerbäume bekam er von Herrn Dr. Michael Seiler, dem ehemaligen Gartendirektor der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Geschenk. Zwei Kiefern, die neben seiner kleinen aber feinen Orangerie stehen, rettete er an einem Wintertag, als er sie, nach einem Sturm, nur noch an wenigen Wurzeln hängend, an der Steilküste von Bansin vorfand. Als Anspielung auf den Mythos von Philemon und Baucis pflanzte er an zwei Stellen seines Gartens nebeneinander Eiche und Linde. Kundig berichtet er über die Wuchsfortschritte von Trauerweide, Lärchen und Kiefern … und während er erzählt, beginne ich mir zu wünschen, in seinem Alter auch noch so staunen zu können, so empfindsam für die scheinbar kleinen Dinge zu sein.
Das Interview führen wir, in der Orangerie sitzend, vor der monumentalen Wand, welche Herr Dr. Modrow humorvoll als „sein Denkmal” bezeichnet. Von hier, so sagt er, habe man den schönsten Blick auf seinen Garten.

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Der Blick aus der Orangerie entlang der Capinus-Säulen, die den unteren Gartenteil mit dem oberen visuell verbinden sollen.

GB: Was hat für Sie in all den Jahren, in denen Sie sich praktisch und theoretisch mit Gärten beschäftigen, die Faszination an Gärten allgemein für Sie ausgemacht?

BM: (überlegt) An Gärten finde ich wunderschön, dass man etwas macht, was sich weiterentwickelt, was nicht statisch ist, und ich diese Weiterentwicklung in einer gewissen Weise beeinflussen oder sogar bestimmen kann. Vieles kommt dann zwar anders, als ich es wollte, aber ich denke, es ist immer ein Spannungsbereich, eine Ungewissheit, wie sich der Garten, die Pflanzen, die Pflanzengemeinschaft weiterentwickeln. All das zu verfolgen, ist für mich etwas Besonderes und das erlebe ich jetzt hier in meinem eigenen Garten, wo ich Zeit habe und ich mir ständig die Pflanzen ansehen und verfolgen kann, wie sie wachsen oder eben auch nicht. Gärten sind lebendig. Sie sind einfach spannend.

Ich habe gelernt, dass sich ein Vormittag im Winter, alleine bei Regen, mit oder ohne Regenschirm vorzüglich dazu eignet, einen Garten kennenzulernen.

GB: Auch vor dem Hintergrund, dass Gärten immer auch Ausdruck einer speziellen Persönlichkeit sind?

BM: Eindeutig. Garten und Gärtner bilden eine Einheit, eine Symbiose. Deshalb war es für mich immer wichtig, dass der/die verantwortliche Gärtner/in in der Außenstelle möglichst lange an dem jeweiligen Ort tätig ist, so dass über viele Jahre eine Kontinuität besteht. Wenn nur ein Pflegetrupp durch den Garten zieht, der mal eben Rasen mäht, Hecken schneidet oder ähnliches, kann sich diese spezielle Persönlichkeit oder dieses Besondere eines Gartens gar nicht herausstellen.

GB: Meinen Sie damit, dass man einem Gartenweg auch fünf-, zehn-, hundertmal gegangen sein muss, bis man einen Gartenbereich verstanden hat?

BM: Unbedingt. Es ist wichtig etwas zur Geschichte des Gartens zu wissen, um ihn verstehen zu können. Wenn man aber nun gar nichts weiß, kann man den Garten natürlich kaum erleben, wenn man einmal schnell da durchgeht. Also ja, man muss Wege schon öfter gehen, um den besonderen Charakter des Gartens zu erleben. Zudem ist das Erleben auch abhängig von der Jahres- und natürlich Tageszeit. Ich habe gelernt, dass sich ein Vormittag im Winter, alleine bei Regen, mit oder ohne Regenschirm vorzüglich dazu eignet, einen Garten kennenzulernen. Es ist kein Laub da, man sieht die Strukturen des ganzen Gartens, man wird nicht durch Geräusche oder andere Menschen abgelenkt und kann überall hindurchblicken. Also: bei Regen, im Winter!

GB: Klingt einladend. Dann ist dies ja aktuell perfekt für Gartenexkursionen …

BM: Ja, so habe ich den Park Schönbusch in Aschaffenburg beispielsweise kennengelernt. Als ich zum ersten Mal dort war, war es so ein Tag.

Zunächst sollte die kleine Hütte, in der Holz gelagert wird, abgerissen werden. Dann aber gefiel sie doch so gut, dass sie einen neuen Anstrich bekam und blieb.

GB: Als Sie zu Beginn der 80er-Jahre in Hessen als Gartendirektor angefangen haben, waren viele der Anlagen der VSG (Verwaltung staatlicher Schlösser und Gärten Hessen) in rudimentären Zustand. Wie sah die Gesamtsituation zu Beginn aus?

BM: Rudimentärer Zustand ist sicher nicht zutreffend. Die Bürger sahen und nutzten die historischen Gärten eher als „schöne“ Grünflächen. Was ich darunter verstehe werde ich noch erläutern. Die Stelle des Gartendirektors hatte zuvor Dr. Hoffmann inne, sie war aber schon für mehrere Jahre vakant und wurde zwischenzeitlich vertretungsweise durch einen Mitarbeiter besetzt. Dieter Hennebo und Alfred Hoffmann waren als Gespann die hochkarätigen Gartenkunst-Kenner und Fachleute. Mein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der einen Monat vor mir zur Schlösserverwaltung kam, und ich traten somit in große Fußstapfen. Infolge der Vakanz hatte sich einiges verändert und es war schon etwas abenteuerlich: kein Büro, die Pläne lagen irgendwo auf einem Haufen, auch bei den Akten und sonstigen Unterlagen herrschte ein gewisses Durcheinander. Immer wieder hieß es, wenn wir nach Unterlagen zu den Gärten suchten, es gäbe nichts. Wir versuchten also, mehr zu den Gärten zu erfahren, und stellten in gemeinsamer Arbeit mit den Außenstellen fest, dass wir in den Archiven doch meist etwas fanden, obwohl es offiziell oft hieß, alles sei im Krieg verbrannt.
Wir sind es dann systematisch angegangen, indem wir Parkpflegewerke erstellten bzw. erarbeiten ließen. Eine Plankammer wurde aufgebaut, das zielgerichtete Sammeln von Archivunterlagen erfolgte.

GB: Auf welchem Stand war die Denkmalpflege damals zu Ihrer Anfangszeit?

BM: Als ich in den 80er-Jahren begann, blickten wir auf eine mehr kreative, schöpferische Denkmalpflege zurück. Zum Beispiel präsentierten sich der Klostergarten Seligenstadt oder der Prinz-Georg-Garten in Darmstadt in barockisierender Weise. Mit dem ursprünglichen Garten hatte das aber gar nicht so schrecklich viel zu tun. Dies fanden wir heraus, als wir uns systematisch, forschend mit der Geschichte der Anlagen befassten, eben auch im Rahmen der Erstellung von Parkpflegewerken. Die wissenschaftliche Gartendenkmalpflege nimmt Bezug auf das, was vor Ort noch vorhanden ist und stützt sich auf Unterlagen, alte Pläne, Dokumentationen und Beschreibungen was systematisch erforscht und analysiert wird.

GB: Hat man damals also ein barockes Ideal auf ein Gartenareal, einen Garten übertragen?

BM: Bezogen auf die Pflanzenverwendung kann man es etwa so sagen. Man hat zwar auch versucht, historische Pflanzen einzubringen, aber am Ende nahm man dann doch Begonien und Pflanzen aus dem Baumarkt, weil „die Besucher das so schön bunt haben wollten“. Aufbauend auf den Erfahrungen der Gartendenkmalpflege in Schwetzingen mit dem barocken Parterre oder in Berlin mit der Kultur und Präsentation von alten Pflanzen, war die Gartendenkmalpflege zu meiner Zeit so weit, dass Pflanzen kultiviert und präsentiert wurden, die zu dem jeweiligen Zeithorizont passten.

Mein Anliegen war es, die Gärten, die unter Denkmalschutz stehen, in der öffentlichen Wahrnehmung als eigenständige Kunstwerke zu etablieren, welche nicht für eine beliebige Nutzung zur Verfügung stehen.

GB: War die Gartendenkmalpflege nach dem 2. Weltkrieg noch in der Findung und wurde erst in ihrer Amtszeit zu dem, was sie heute ist?

BM: Ja genau. Die auf historischen Quellen fundierende Gartendenkmalpflege war ziemlich jung und wurde in den 70er, 80er-Jahren eigentlich nur in West-Berlin praktiziert. Nach der Wende beeindruckte uns die Gartendenkmalpflege der ehemaligen DDR. Dort gab es bereits seit langem eine institutionalisierte Gartendenkmalpflege. Was mich damals vor allem erstaunte, war das große Wissen, das in jedem Institut der Gartendenkmalpflege oder in den Gartendirektionen der großen Parks vorhanden war. Dort gab es neben den Praktikern auch Wissenschaftler, die ausschließlich damit beschäftigt waren, die Geschichte der jeweiligen Gärten aufzuarbeiten. Bemerkenswert war auch, dass man zum Beispiel in Bad Muskau den neuen Baum in den Standort des alten pflanzte, nachdem er gefällt worden war. Ich sah einen Teil meiner Aufgabe bei der Schlösserverwaltung darin, mich zunächst rein theoretisch mit der Geschichte eines Gartens auseinander zu setzen. Wie ist der Garten entstanden? Wie waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, als er angelegt wurde? Wie hat er sich im Laufe der Zeit entwickelt und wie soll sich der Garten zukünftig zeigen? Die Erkenntnisse habe ich versucht, an die verantwortlichen Gärtner vor Ort weiterzugeben.

GB: Ich meine mich zu erinnern, dass im Schlossgarten Charlottenburg auch schon vorrätig von den einzelnen Bäumen Ableger gezogen werden: für den Fall, dass der Baum irgendwann ausfällt …

MB: … um dann schon die eigenen Klone zu haben. Das haben wir in Bad Homburg öfter mit der Libanonzeder versucht, aber es klappte nicht so recht. Es wurde von uns aber auch nicht so intensiv weiterverfolgt. Wir bezogen unsere Pflanzen über Baumschulen und hatten eigene Baumschulen in Kassel. In den kleineren Parks bestanden Gehölz- und Stauden-Quartiere.

Der Teich! Denn Wasser durfte auf gar keinen Fall fehlen. Neben den Goldfischen und Fröschen finden sich hier auch Schlangen ein. Die junge Trauerweide nimmt seit kurzem erst ihre typisch gebeugte Haltung ein.

GB: Was ist für Sie das Produkt Gartendenkmalpflege? Warum ist sie wichtig?

BM: Am Anfang meiner Tätigkeit wurden die historischen Gärten eher als Grünflächen in den Gemeinden angesehen, die dafür bereit zu stehen hatten, wenn irgendwo eine neue Straße gebaut werden oder ein neues Baugebiet entstehen sollte. Oder sie waren beliebige Veranstaltungsorte. Das jährliche Reitturnier in Biebrich, einem von Friedrich Ludwig von Sckell geschaffenen Park, war viele Jahre lang so ein Fall, wo die Veranstalter davon ausgingen, man könne sich der Flächen einfach bedienen. Mein Anliegen war es, die Gärten, die unter Denkmalschutz stehen, in der öffentlichen Wahrnehmung als eigenständige Kunstwerke zu etablieren, welche nicht für eine beliebige Nutzung zur Verfügung stehen.

GB: Historische Gartenanlagen werden ja heute gelegentlich als temporäre Ausstellungsorte für Skulpturen genutzt. Befruchtet oder reduziert das Ihrer Meinung nach eher den Wert des Gartenkunstwerks.

BM: Hier denken sie sicherlich an Ausstellungen wie die im Kurpark Bad Homburg, einer Parkschöpfung von Lenné. Die Skulpturen werden in den Lennéschen Blickachsen aufgestellt. Die Gestaltungsprinzipien der Blickachsen lagen bei Lenné darin, durch eine ganz bestimmte Geländemodellierung, durch die Wahl der Pflanzen, Skulpturen und Baulichkeiten komponierte Blicke oder Bilder zu erzeugen, die man erleben kann, wenn man als Spaziergänger durch den Park geht. Wenn jetzt eine temporäre Ausstellung in diesen Blickachsen installiert wird, muss man sich bewusst machen, dass sie die Gestaltung des Gartenkünstlers beeinflusst. Das halte ich für einen Eingriff in das Gartenkunstwerk.
Ich möchte ein provozierendes Beispiel anführen: Ein hervorragender Maler versucht, auf einem wertvollen Gemälde, z. B. einem Rembrandt, nur temporär, mit einer leuchtenden, grellen Farbe, etwas zu ändern oder hinzuzufügen, weil es dem Kunstgeschmack heute entspricht. Niemand würde das tolerieren! Da zeigt es sich, dass das Gartenkunstwerk nur eingeschränkt als Kunstwerk geachtet wird.
Man kann in einem Garten meiner Ansicht nach gerne Kunstobjekte temporär aufstellen, wenn die Standorte unter Berücksichtigung der Inszenierungskonzepten des Gartenkunstwerkes ganz bewusst ausgesucht werden.

Wenn junge Menschen zu etwas werden wollen, müssen die Alten etwas beiseite treten …

Herr Dr. Modrow bei unserem Rundgang vor „Philemon und Baucis“. Wer jemals mit ihm einen Garten besuchen durfte, kennt ihn genau so!

GB: Sie sind für die Etablierung des Parkpflegewerks als Leitpfaden zur Pflege historischer Anlagen in Hessen verantwortlich. Bei der Analyse der historischen Horizonte kommt z. T. vieles zu Tage. Woher weiß man in Abstimmung mit Naturschutz, Finanzen und Lokalpolitik: Das ist jetzt die Zeit, die rekonstruiert werden soll. Klingt kniffelig.

BM: Das Instrument der Parkpflegewerke ist nicht von uns entwickelt worden. Es gab sie bereits in der DDR in Form von Parkpflegekonzepten oder denkmalpflegerischen Zielstellungen.
Eines der ersten Werke war dasjenige für Nordkirchen, von den Autoren Hennebo und Wörner. Unser erstes Vorhaben war der Park Biebrich, für den wir ein Parkpflegewerk erarbeiteten. Es erfolgte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Objekt. Zunächst ist die Geschichte einer Anlage herauszuarbeiten, weiter der augenblickliche Zustand zu erheben sowie ein Ausblick zu geben, wohin sich dieser Park weiter entwickeln soll. Gestalterische Veränderungen werden dann nicht willkürlich vorgenommen, sondern sie unterliegen bestimmten, begründeten Zielen. Die Parkpflegewerke haben sich als Zielfindungswerke, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht bewährt. Wir haben immer versucht, das Vorwort dieser Parkpflegewerke von dem jeweiligen Minister oder der Ministerin, die gerade im Amt waren, schreiben zu lassen. Dadurch war das Instrument des Parkpflegewerkes auch politisch abgesichert. Die notwendigen finanziellen Mittel für die Umsetzung waren somit leichter zu bekommen.
Das denkmalpflegerische Ziel selbst bildet sich aus der Geschichte heraus, indem man beurteilt, wann eine Hochzeit der Anlage, die letzte Blüte dieser Entwicklung war. Die Festlegung auf den bestimmten Zeitabschnitt ist selbst wiederum von dem gegenwärtigen Zeitgeist abhängig. Das ist ein Abwägungsprozess im Rahmen der Denkmalpflege. Natürlich findet auch ein Dialog mit den Bürgern statt, die meist keine Veränderungen wollen. Auch Bürgerinitiativen können eine Herausforderung sein, so dass es unbedingt notwendig ist, Aufklärungsarbeit zu betreiben.

GB: Gibt es dafür ein konkretes Beispiel aus ihrem Berufsleben?

BM: Ich denke da zum Beispiel an die Kastanien vor dem Bad Homburger Schloss, die in der Vergangenheit so gepflegt wurden, dass sie einfach geköpft und die Schnittstellen mit Beton und Blechdosen ausgestopft wurden. Oben ist dann die Fäulnis eingetreten, so dass diese Kastanien auszubrechen drohten. Der Zeitpunkt in den 90er-Jahren war gekommen, zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, weiterhin Flickwerk zu betreiben oder aber eine Neupflanzung vorzunehmen. Nach Abstimmung mit dem Naturschutz und der Denkmalpflege wurde die Neupflanzung beschlossen. Die Bürger, die zunächst protestierten, wurden in den Entscheidungsprozess mit einbezogen. Ich betonte, dass es wichtig ist, auch für zukünftige Generationen Verantwortung zu übernehmen, indem wir jetzt neu pflanzen. Bei den Menschen ist das ähnlich: Wenn junge Menschen zu etwas werden wollen, müssen die Alten etwas beiseite treten …

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Eine von vielen Sitzgelegenheiten, die in diesem Garten zum verweilen einladen.

GB: Mit welcher Anlage verbinden Sie am meisten? Woran hängt ihr Herz?

BM: Alle Anlagen sind wichtig. Jeder Garten hat den ganz eigenen und besonderen Charakter. Seligenstadt als Klostergarten, in einem hervorragenden Pflegezustand, ist als formale Anlage einzigartig. Das so ganz andere Fürstenlager bildet auch heute noch einen weitgehend unbeeinflussten frühen Englischen Landschaftsgarten ab. Weilburg als die barocke Anlage, mit dem vorzüglichen Pflanzenbestand auf den Terrassen, den Orangerien und dem Gebück zur Lahn, ist unverwechselbar. Bad Homburg mit dem Landschaftspark, beeinflusst von der Lennéschen Schule, dem barocken Obergarten der Orangerie und den Kübelpflanzen ist geprägt durch die Zeit der Preußenkönige. Der Landschaftspark Wilhelmsbad ist wiederum so einmalig mit der Ruine. Die Karlsaue, Wilhelmsthal oder Lorsch, Biebrich … also jeder Park hat seinen Charakter und besitzt bestimmte Elemente, die für sich ansprechend sind.
Als großartiges Garten-Kunstwerk wurde die Wilhelmshöhe als Weltkulturerbe anerkannt. Ich bin stolz, dass ich an der Vorbereitung und Zielfindung über die lange Zeit hinweg mitwirken konnte.

GB: In den Seminaren, die ich bei Ihnen als Studentin besuchen durfte, klang es für mich immer an, dass Sie doch eine besondere Vorliebe für die Zeit der Aufklärung haben …

BM: Ja, das 18. Jahrhundert und damit der Landschaftsgarten haben es mir schon angetan. Aber ich stoße immer noch auf so ganz seltsame Aussagen. Neulich sprach ich zum Beispiel mit einem Paar, das war kurz zuvor in Potsdam gewesen. Ich fragte, wie ihnen Sanssouci gefallen habe. Sie antworteten, dass diese Terrassen ja schön gewesen seien, aber in dem anderen Teil sei ja eigentlich gar nichts passiert, dort würde auch gar nicht richtig gepflegt … Das war alles und da dachte ich, dass es immer noch so ist, dass man meint, der Landschaftsgarten entwickele sich von selbst; da sei nicht so viel zu tun. Die Pflanzen wachsen von alleine und dann müsse man mal ab und an den Rasen mähen und alles wäre fertig. Wenn ich aber erkläre, dass im Landschaftsgarten auch alles künstlich ist, dass man die Hand des Gärtners aber nicht erkennen soll, und der Baum wird nicht irgendwo gepflanzt sondern genau an der definierten Stelle … Ich bin immer wieder erstaunt, wie gering der Bekanntheitsgrad von Gartenkunst ist. Bei meinen Musikerfreunden hier auf der Insel und in Berlin ist es anders. Hier ist ein besonderes Gefühl für Gärten vorhanden. Wir besuchen gemeinsam auch historische Gärten und Parks. Gerade waren wir in Wilhelmshöhe. Die Künste Musik und Garten harmonisieren miteinander, besonders im Landschaftsgarten, wo die Gefühle eine Bedeutung haben.

Ich war überrascht, wie viele Privatpersonen in Frankreich, Italien und auch Spanien Schlösser und Gärten besitzen, ohne dass sie der Öffentlichkeit zugänglich sind.

GB: Meinen Sie in anderen Ländern, z. B. England oder den Niederlanden, ist das Bewusstsein für Gärten größer?

BM: Man sagt, in England gäbe es ein anderes Gefühl für die Gärten. Das ist vielleicht auch durch die Tatsache begründet, dass es den National Trust gibt. Die einst privaten Gärten und Parks werden in hervorragender Weise als Gartendenkmale gepflegt und restauriert. Das Klima spielt sicher auch eine Rolle. In den Niederlanden kenne ich mich nicht aus. In Frankreich und Italien ist es wohl mehr die gebildete und wohlhabende Schicht, die sich für Gartenkunst begeistert. Ich war vor zwei Jahren in Frankreich einer Einladung einer Privatperson zu einer Tagung gefolgt, die ein Renaissanceschloss und einen terrassierten Renaissancegarten besitzt. Ich war überrascht, wie viele Privatpersonen in Frankreich, Italien und auch Spanien Schlösser und Gärten besitzen, ohne dass sie der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ich glaube, deshalb ist das Interesse für Gärten auch bei weniger betuchten Menschen in diesen Ländern nicht so groß. Bei uns in Deutschland, hatte ich, als ich meine Tätigkeit in Bad Homburg begann, gedacht, dass sich die Gartenkunst und die Gartendenkmalpflege stark im Aufwind befinden. Zurzeit ist aber wieder festzustellen, dass die Denkmalpflege allgemein eher abgewertet wird. Sie wird heute vielfach als ein Hindernis für manche Dinge angesehen. Hier in Mecklenburg-Vorpommern gibt es inzwischen nur noch eine halbe Stelle für die Gartendenkmalpflege – die andere Hälfte ist eine Professur an der Hochschule Neubrandenburg – für das ganze Land und dies angesichts einer Fülle von Gartenkunstwerken, besonders in Form der alten Gutsparks, die vielfach auf Lenné und die Lenné-Meyersche Schule zurückgehen.

GB: Wissen Sie, wie sich die Gartendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern stattdessen organisiert? Stellt man z. B. Landschaftsarchitekten auf Projektbasis ein?

BM: Auch in diesem Bundesland wurde nach der Wende eine Schlösser- und Gärtenverwaltung eingerichtet. Sie ist noch im Aufbau, mit einigen in der Gartenkunst und Denkmale qualifizierten Mitarbeitern. Diese sind aber nur für ihre Objekte zuständig. Planungsaufträge werden an freie Landschaftsarchitekten und Garten-Landschaftsbaufirmen vergeben. Es wurde in den letzten Jahren in Ludwigslust, Schwerin, Bothmer und in beeindruckender Weise in Wiligrad restauriert. Der Renaissancegarten in Güstrow wurde vor 10 Jahren als Denkmal der DDR-Geschichte wieder hergestellt. Hohenzieritz, einer der am hervorragendsten erhaltenen englischen Landschaftsgärten außerhalb Englands, mit einem Aha, wurde in den letzten Jahren mit großem finanziellen Aufwand restauriert.
An der Hochschule Neubrandenburg ist eine halbe Professoren-Stelle für Gartenkunst besetzt. Im Lande sind mehrere Landschaftsarchitekten, die sich im Bereich der Gartendenkmalpflege qualifizierten und hervorragende Arbeit leisten. Die DGGL und die Stralsunder Akademie für Garten-und Landschaftskultur organisieren Tagungen und Fortbildungen. Angesichts der Fülle von Gartenkunstwerken, insbesondere der Hunderte von Gutsparks in Mecklenburg-Vorpommern, besteht noch ein großes Aufgabengebiet für die Gartendenkmalpflege, das zu füllen wäre.

Diese Sitzgruppe wird durch eine Mauer aus den Schindeln des ehemaligen Daches umarmt. Selfmade, selbstverständlich.

GB: Wie sind Sie das Projekt Privatgarten angegangen? Haben Sie sich durch die historischen Quellen von Sckell, Meyer oder Pückler inspirieren lassen?

BM: Erstmal hab ich vom zukünftigen Garten eine Skizze angefertigt, noch von Bad Homburg aus, wie ich mir das so im Groben vorstelle: mit geschwungenen Wegen, keine Gerade, mit einem Teich, Wasser musste dabei sein. Damals gab es noch eine Lichtpausanstalt in der Luisenstraße und da habe ich mir diesen Plan pausen lassen. Den malte ich dann bunt und bin voller Stolz wieder auf die Insel Usedom gefahren, um an die schrittweise Umsetzung zu gehen.
Bei meiner Planung inspiriert gewesen zu sein von Sckell und Pückler oder Lenné ist sicher zu hochtrabend. Es sollte schon eine landschaftliche Gestaltung werden mit einer gewissen Bodenmodellierung, dem Aussichtshügel, auf dem ein Bilderrahmen den Blick zum Gothensee lenkt und natürlich Wasserflächen in Form von zwei Teichen und einem kurzen Bachlauf. Die Carpinus-Säulen habe ich dann allerdings quer in den Raum gestellt. Es soll eine Blickachse sein, die aber nicht in etwas hineinführt, sondern den unteren mit dem oberen Teil des lang gestreckten Gartens verbindet.
In meinem Garten habe ich vieles gelernt, beim Anlegen des Gartens, beim Pflanzen und beim Betreuen des Gepflanzten. Ich hatte zwar einst eine Landschaftsgärtnerlehre gemacht, aber das war doch schon einige Jahre her. Mir wurde zunehmend klar, dass man, wenn man so ein Amt wie das des Gartendirektors innehat, im Vorfeld viele Jahre als Gärtner hätte tätig gewesen sein sollen. Wobei die Theorie und die Praxis trotzdem in meiner Zeit bei der Schlösserverwaltung sehr gut ineinander griffen. Wenn ich nur bedenke, wie wir in Seligenstadt herausfanden, dass es eigentlich ein Gemüsegarten gewesen war … Niemand konnte sich das recht vorstellen, auch der Gartenmeister Herr Krienke nicht. Dann sind wir damals nach Villandry gefahren. Wir bekamen dort eine Führung von der Besitzerin dieser Anlage. Drei Tage haben wir uns dort aufgehalten, haben mit dem zuständigen Gärtnermeister gesprochen und Herr Krienke fand das plötzlich toll. Auf Eigeninitiative haben die Gärtner aus Seligenstadt dann nochmal einen Betriebsausflug dahin gemacht.
So war es auch mit Herrn Jagenteufel im Prinz-Georg-Garten oder dem Fürstenlager. Auch hier wurden unvergleichliche Gärten wiederhergestellt bzw. restauriert. Und dies war nur möglich mit hervorragenden Mitarbeitern, die offen waren für Veränderungen.

Es kommt einfach darauf an, beachtet und geschätzt zu werden.

GB: Das heißt, Sie hatten ein gutes Händchen bei der Personalauswahl …

BM: Ich glaube, es ist ganz wichtig, die Fähigkeiten eines Menschen zu erkennen; dann ist vieles möglich. Ich suchte zum Beispiel ganz dringend einen technischen Zeichner, und es hieß, dafür gäbe es keine Stelle. Irgendwann kam eine Meldung von der Personalabteilung, da sei ein technischer Zeichner kurz vor der Rente, 63 Jahre alt, Rumäne, der bislang Lastwagen gezeichnet habe. Da dachte ich: besser als nichts. Er kam zu uns und wir haben ihn an einen unserer Gartenpläne heran gesetzt, der umgezeichnet werden sollte. Er war einige Jahre bei uns mit großer Begeisterung und Akribie. Die Pläne liegen alle in der Gartenabteilung. Wir haben uns zwar nicht viel unterhalten, weil er kaum deutsch sprach, aber er und wir waren zufrieden.
Ich denke aber auch an ein ganz anderes Beispiel: Geburtstag mit den Kindern. Da war ein Junge dabei, der hat nur rumgemotzt und die anderen Kinder beim Spielen gestört. Ich bin hingegangen und habe mich ganz direkt mit ihm beschäftigt. Nun wurde er beachtet und in dem Moment war es gut.
Es kommt einfach darauf an, beachtet und geschätzt zu werden.

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Der Übergang von Terrasse zur Orangerie, flankiert von einer ansehnlichen Zahl Citrus. (Foto: Dr. Bernd Modrow)

GB: Ihr liebster Ort im Garten?

BM: Ganz besonders stolz bin ich auf die im letzten Jahr fertiggestellte Mauer aus Kopfsteinen und meine „Orangerie“. Als die Straße vor dem Haus aufgehoben wurde, erwarb ich 8 Tonnen Steine, die nun schon 5 Jahre im Vorgarten lagerten. Ich fand in der Nähe Garten-Landschaftsbauer, die Steinarbeiten beherrschten, wie ich sie mir vorstellte. An die Mauer wurde das Glashaus, das als Überwinterungshaus dient, angelehnt. Meine „Orangerie“ zur Überwinterung meiner Zitrus und weiterer frostempfindlicher Pflanzen ist natürlich auch ein wunderbarer Ort zum Aufenthalt. Von hier aus hat man den schönsten Blick in den Garten. Wenn ich mich irgendwann mal mit einem Rollstuhl bewege, würde ich hier gerne sitzen wollen und bräuchte eigentlich nicht viel mehr. Es gibt noch einen anderen Blick über die Felder, der ist auch sehr schön, aber hier wird der Blick nach außen gelenkt.

GB: Herr Dr. Modrow. Butter bei die Fische. Ihr Lieblingsgärtner?

BM: (überlegt lange) Ich pendle immer zwischen Sckell und Lenné …

GB: Welches Buch war für Sie als Gestalter besonders wichtig? Welches Buch als Gartendenkmalpfleger?

BM: Die „Andeutungen über die Landschaftsgärtnerei“ von Pückler sind bedeutungsvoll. Wie er beschreibt, wie Wege zu sein haben, wie Pflanzungen und Teiche angelegt werden sollen, wie die Wasserfälle gemacht werden, wie die Wegeführung verläuft. Natürlich habe ich auch die Bücher von Dezallier d’Argenville, von Sckell oder Mayer und viele mehr gelesen und verarbeitet. Aber Pückler faszinierte mich. Wenn man dann nach Bad Muskau kommt und mit diesen Pücklerschen Gedanken durch den Park geht, kann man vieles wiedererkennen.
Mein Sohn hat mir kürzlich ein Buch von Andrew Wilson geschenkt über die zeitlos, modernen Gärten des Luciano Giubbilei. Es sind sehr pflegeintensive Gärten. Man muss aufpassen, dass sie nicht zu steril wirken. Grundsätzlich gefallen mir die klaren Formen gut, aber auch der „New German Style“ mit Stauden und Gräsern … toll!

GB: Also interessieren Sie sich auch für zeitgenössische Gartengestaltung?

BM: Ich beschäftige mich nur am Rande damit. Auch blicke ich gelegentlich in die Zeitschrift Gartendesign. Mich wundert es, dass von Gartendesign gesprochen wird, nicht von Landschaftsarchitektur.

GB: Letzte Frage: Ihr Lieblingswerkzeug derzeit?

BM: Schon die Schere … die Axt müsste kommen … aber es ist schon schwierig, das was man gepflanzt hat, weg zu machen.

GB: Echt? Finde ich gar nicht…

BM: Das hängt auch mit dem Alter zusammen. Als ich jung war, habe ich mit Begeisterung Bäume gefällt. Sckell hat auch gesagt, als er älter wurde: Hüte mir diese alten, ehrwürdigen Bäume! Zum Beispiel diese beiden Kiefern hier, vor der Mauer, die fand ich vor 8 Jahren am Strand in Bansin, als sie nur an einer Wurzel an der Steilküste hingen. Ich habe sie im Februar abgenommen und in den Komposthaufen gesetzt, um sie im Frühjahr zu pflanzen. Es gibt Bildreihen, wie diese Bäume hier über die Jahre gewachsen sind …

GB: Lieber Herr Modrow! Es war wirklich sehr schön bei Ihnen. Vielen Dank für das Gespräch und einen wunderbaren Tag gemeinsam mit Ihnen auf Usedom.

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