“Ich glaube, dass der beste Lehrmeister die eigene Erfahrung ist.“

Als großer Schrebergartenfan betreibt Caro zu dem Thema nicht nur den beliebten Blog „Hauptstadtgarten“, sondern hat zum „Abenteuer Garten“ im Kosmos-Verlag auch ein gleichnamiges und großartiges Buch für Gartenneulinge geschrieben. Mitreißend und authentisch findet man sie auch beinahe täglich in ihren Stories auf Instagram, wo sie viele von ihr im Netz entdeckte Ideen und Aktionen teilt und mit Sicherheit den ein oder anderen Garten-Neuling zum Ausprobieren inspiriert.
Also wer auf ihr neues Buch „Indoor Ernte“, das Februar ’21 erscheint, nicht mehr warten möchte, der besucht sie einfach mal dort und lässt sich von ihrer Begeisterung anstecken …


Lesezeit: 10 Minuten

Interview: Carolin Engwert, Anke Schmitz ∗ Einleitung: Anke Schmitz ∗ Textbearbeitung: Carolin Engwert, Anke Schmitz ∗ Titelfoto (Ausschnitt): Lisa Rienermann ∗ Lekorat: Dr. Ruthild Kropp


GB: Liebe Caro, du bist als Bloggerin mit deinem Blog “Hauptstadtgarten” und als Autorin des Buches “Abenteuer Garten” super erfolgreich. Wie kamst du überhaupt ganz allgemein zum Garten und rein ins Beet?

Huch – super erfolgreich klingt für mich, die ich viele Jahre als Designerin eher im Hintergrund Logos, Webseiten und Broschüren gestaltet habe, schon etwas verrückt und irgendwie zu fancy – da stürze ich mich doch einfach mal kopfüber ins Beet: Meine Kinder hatten eine Phase, in der sie immer davon gesprochen haben, dass sie gerne ein Haus mit Baum hätten. Da wir recht zentral in Berlin wohnen und jetzt nicht unendlich viel Geld verdienen, war klar, dass ein Haus mit Garten entweder viel zu weit weg von unseren Arbeitsplätzen wäre oder völlig außerhalb unseres Budgets liegen würde. Ein Kollege in meiner Bürogemeinschaft hatte einen Kleingarten; von ihm und den vielen lustigen Staudenpaketen, die ihm regelmäßig ins Büro geliefert wurden, ist die Begeisterung wohl irgendwie auf mich übergesprungen. Nachdem ich es auch geschafft hatte, Kitaplätze für meine Kinder zu finden, kam mir die Suche nach einem Kleingarten vergleichsweise einfach vor. Zwar hatten wir auch in den Vorjahren auf dem Balkon schon Erdbeeren, Salat und Tomaten angebaut und meine Oma mütterlicherseits hat mit wahrscheinlich auch ein paar Ihrer Gärtnerinnen-Gene vermacht, aber so richtig rein gestürzt habe ich mich dann erst 2015, als wir unseren Garten übernommen haben. In dem – dem Wunsch der Kinder entsprechend – auch ein großer Apfelbaum steht.

Was gab dann im weiteren Verlauf den Impuls mit deinem Blog „Hauptstadtgarten“ loszulegen?

Die Zeit, in der ich mich entschieden habe, einen Blog zu starten, nenne ich gerne meine „Zweite Pubertät“. Ich hatte Ende 2016 beruflich einige frustrierende Momente mit beratungsresistenten Kunden und ein Freund gab mir einen kleinen, aber großartigen Rat: „Mach doch einfach mal was Eigenes“. Ein Blog über meine Gartenabenteuer war zu dem Zeitpunkt das einzige, worauf ich Lust hatte. Und so habe ich einfach alles aufgeschrieben, was ich anfangs selbst gerne gelesen hätte. Die Anfrage von KOSMOS, ob ich einen Schrebergarten-Ratgeber mit ihnen machen möchte, war dann so eine Art Sprungbrett in alles Weitere. Es ist schon eine wunderbare Chance, das eigene Lieblingsbuch schreiben zu dürfen, aber zugleich eine krasse Herausforderung, es auch gut hinzukriegen und zwischendurch nicht allzu oft zu zweifeln, ob das am Ende überhaupt jemand lesen will. Dass es nun anscheinend gelungen ist, ist schon das Schönste, was mir in den letzten Jahren passiert ist. Und da schließt sich der Kreis zum Erfolg: Die vielen persönlichen Rückmeldungen und Nachrichten der Leser*innen zu „Abenteuer Garten“ sind ein kostbarer Schatz und zu lesen, dass es vielen Leuten wirklich hilft und ein guter Begleiter durch Ihr grünes Abenteuer ist, ist eine tolle Bestätigung, dass es sich lohnen kann, fast zwei Jahre Lebenszeit in 162 Seiten Papier zu stecken.

Du schreibst über das, was du in deinem Schrebergarten in Berlin gärtnerst. Jetzt komme ich ja aus dem Pott und da denke ich bei Schrebergarten an Gelsenkirchener Barock, Unterhemden und Dosenbier. Meine Lektorin hat mitten in Frankfurt auch nen Schrebergarten und da ist es entgegen meiner Vorurteile eigentlich ganz nett. Also Caro, an dich als Expertin: wo steht der Schrebergarten heute?

Voll cool, wie jede Region so ihre eignen Vorurteile am Schrebergarten auslebt. Hier in Ostberlin denkt man an Stasi-Veteranen in Plastik-Lederjacke und Rentnerschlappen, die Blaukorn ausstreuen und auf Pflanzsteine aus Beton stehen. Tatsächlich ist aber ein großer Wandel im Gange: viele jüngere und auch aufgeschlossene ältere Leute suchen einen Garten und die Vorstände auf Landes- und Bundesebene sind erstaunlich offen und innovativ, bemühen sich um Naturschutz und machen klar, dass die Kleingartenanlagen als Gemeinschaftsflächen und wichtige Pufferzonen in unseren verdichteten Städten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Auch das Bemühen um Biodiversität ist in den Anlagen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Und so versuche auch ich, einen Beitrag zu leisten, um den Schrebergarten aus der Gartenzwerg-Ecke zu holen. Und dann möchte ich noch dringend eine Lanze fürs Dosenbier brechen: als Zutat zu einem guten Gespräch mit den richtigen Leuten ist mir auch das nicht zu blöd.

Im Pott trinkt man übrigens Hansa 😉 Klingt jedenfalls, als ob die Geselligkeit einen hohen Stellenwert besitzen würde und als wäre der Schrebergarten ein super Ort, um Vorurteile abzubauen. Matthias Horx sagte ja auch in meinem Interview mit ihm, dass aus seiner Sicht die „Togetherness“ beim Gärtnern voll im Kommen sei. Da ist man doch im Schrebergarten genau richtig, würde ich denken. Wieviel Gemeinschaftssinn steckt denn bei einer so heterogenen Community, wie du sie beschreibt, tatsächlich in der Kolonie?

Togetherness – was für ein cooles Wort! Und ja: ich habe schon sehr das Gefühl, dass mich der Verband irgendwie trägt, wobei ich mein persönliches Gemeinsamkeits-Bedürfnis ja hauptsächlich bei Instagram auslebe. In meiner Anlage findet das Gemeinschaftsgefühl eher im Kleinen statt, wahrscheinlich auch, da die Anzahl der Parzellen sehr überschaubar ist. Im Oktober habe ich jedoch bei einer Veranstaltung mit der Schreberjugend Ollas (Bewässerungsspeicher aus Tontöpfen) gebastelt und etwas über ‚Abenteuer Garten’ geplaudert. All das hat in einer großen Kleingartenanlage am anderen Ende der Stadt stattgefunden und ich war schwer beeindruckt, dass dort alle ganz selbstverständlich mit angepackt und eine total nette und gastfreundliche Atmosphäre geschaffen haben.

Eine Erkenntnis aus dem Kleingarten ist, dass das eine Art „Ausstellung von ungefähr allem“ ist.

Meinst du so ein Kleingarten hilft vielleicht auch, Vorurteile abzubauen?

So richtig brutale Vorurteile hat man ja oft nur gegenüber Ideen oder Personengruppen, die man eigentlich nicht kennt, und ich bin überzeugt: Gemeinsamkeit schafft Gemeinsamkeitsgefühl und Nähe schafft Nähe. Dadurch entstehen Situationen, in denen man sich mitteilt und schwupps! hat man vielleicht beim nächsten Konflikt mehr Verständnis für das Gegenüber. Hier ist der Kleingarten ein wunderbares Spielfeld, weil eben so unterschiedliche Personengruppen aufeinandertreffen und gemeinsame Sache machen (müssen). 

Fernab des Gemeinschaftssinns: welche Gemeinsamkeiten siehst du trotz aller Unterschiedlichkeit bei den meisten Kleingärtnern?

Das würde ich tatsächlich mit „keine“ beantworten. Eine Erkenntnis aus dem Kleingarten ist, dass das eine Art „Ausstellung von ungefähr allem“ ist. Man findet jede Art von Geschmack und Herangehensweise, die Pächter kommen aus allen Altersgruppen, sozialen Schichten und umfassen Menschen mit und ohne Migrationshintergründe. Schon alleine beim Spaziergang durch eine Kleingartenanlage sieht man einerseits ganz viel unspektakulären Mainstream, aber auch Ausschläge in alle Extreme, von Öko-Hippies über Freizeit-Jünger mit Pool und Opas mit Nagelschere und LED-Leuchten in allen Regenbogenfarben.

Inwieweit kann man durch die Gemeinschaft eines Schrebergartens sein gärtnerisches Wissen ausbauen?

Der Verband der Gartenfreunde unterhält ein sehr gutes Fortbildungsangebot mit Seminaren zu Mischkultur, Bodenpflegen, biologischen Pflanzenschutz, Baumschnitt, etc. – eigentlich wollte ich auch schon im Frühling die Ausbildung zum Gartenfachberater machen, um mich dann im Verband noch weiter ehrenamtlich engagieren zu können, leider wurde der Termin durch die aktuelle Situation auf unbestimmte Zeit verschoben, aber ich stehe auch total auf Vorfreude, insofern nehme ich es nicht allzu schwer. Ich glaube ja, dass der beste Lehrmeister sowieso die eigene Erfahrung ist und die kann man im Kleingarten ja unbegrenzt sammeln. Zwei Tipps hätte ich – die übrigens nicht nur im Schrebergarten sinnvoll sind:

  1. Ein Gartentagebuch führen und jede Woche grob notieren, was man so gemacht und beobachtet hat. Ist wirklich super spannend und lehrreich im Folgejahr darauf zurückzukommen!
  2. Die 50/50 Methode: wende ich immer an, wenn ich mir bei etwas unsicher bin. Dann pflanze ich z.B. erst die Hälfte der Tomaten aus oder kultiviere einen Teil der Pflanzen im Kübel, die andere direkt im Beet. Später kann man dann evaluieren, was besser gelaufen ist, und daraus lernen.

Ach, spannend mit dem Gartentagebuch, das kenne ich nämlich von sehr vielen Gärtnern. Was wären da die Standard-Infos, die du dir da notierst?

Am Anfang jeden Jahres steht meine Planung für die Gemüsebeete. Im Jahresverlauf versuche ich dann regelmäßig zu notieren, was ich säe und ernte, das Wetter und die Niederschlagsmenge zu dokumentieren und festzuhalten, was blüht, aber eben auch, was gut gelaufen oder schief gegangen ist. Das Spannende ist nicht nur das Aufschreiben, sondern auch immer wieder der Rückblick auf vergangene Jahre, bei denen z.B. die Beetplanung vom Vorjahr extrem hilfreich ist, weil ich zwar immer versuche, mir zu merken, was ich angebaut habe, das aber einfach nie klappt. Weiter bin ich dann manchmal überrascht, dass z.B. der letzte Frost viel später war oder dass ich drei Wochen früher den ersten Erdbeerkuchen gebacken habe.

Durch die Pandemie ist die Nachfrage nach Kleingartenparzellen ja wahninnig gestiegen. Zwei Fragen: Wie privilegiert fühlt man sich, dass man in diesen Tagen einen eigenen Garten hatte und weiterhin doch noch Sozialkontakt haben konnte, und weißt du, wie der Verband mit dieser hohen Nachfrage umgeht?

Ich habe schon lange das Gefühl, mit dem Garten besonderes Glück zu genießen, besonders in dieser großen und oft auch harten Stadt – da brauchte es keine Pandemie. Für den Verband ist die absurde Nachfrage, glaube ich, schon eine große Herausforderung. Viele Sprechstunden konnten nicht stattfinden, einige Mitarbeiter sind dauerhaft im Homeoffice und nebenbei werden weiter Kleingartenanlagen abgewickelt, weil sie Bauprojekten für Infrastruktur oder Eigentumswohnungen weichen müssen. Bei meinem Bezirksverband wurde z.B. am Vereinshaus ein Schild befestigt mit dem groben Wortlaut: „Wir nehmen keine weiteren Anfragen für die Warteliste an.“ Mein Tipp: trotzdem freundlich-penetrant immer wieder nachfragen, da ich davon ausgehe, dass die Vereine damit vor allem die halbherzigen Interessenten abschrecken wollen.

Nimmt man dich als Gartenbuchautorin, deinen Blog und Auftritte in den Medien innerhalb deiner Kolonie anders wahr? Spricht man dir beispielsweise mehr Kompetenz zu?

Das ist eine sehr lustige Frage. Online bin ich ja relativ aktiv, tausche mich mit Gleichgesinnten aus und finde es spannend, dass ich tatsächlich immer mehr als Schrebergarten-Expertin wahrgenommen werde. Hier bekomme ich E-Mails, Nachrichten und Anrufe mit Fragen zu Gartenproblemen oder Menschen schicken mir Zeitungsausschnitte und Screenshots von Fernsehsendungen. Ich denke, dass meine Vereins-Gärtner mich aber bisher nicht anders wahrnehmen. Manchmal gucken vorbeilaufende Menschen schon verwundert, wenn ich mit Stativ, Selbstauslöser und Kamera durch den Garten hüpfe, aber es hat noch nie jemand gefragt, was ich da eigentlich mache. Vielleicht ändert sich was mit der Fachberater-Ausbildung und durch den sich vollziehenden Generationswechsel in den kommenden Jahren. Wenn nicht, bin ich aber auch sehr zufrieden damit, einfach Frau Engwert aus Parzelle 37 zu sein.

Der gute Andreas, seines Zeichens Gartentherapeut, hatte ja die Idee, man müsste Anfänger mehr enthemmen, und ich finde das machst du ja total mit deiner Arbeit, so nenne ich mal alles rund um Buch, Blog, Facebook und Instagram, wo du ja super aktiv bist. Trotzdem an dich die Frage zum Abschluss: Was ging bei dir zuletzt gärtnerisch mal so direkt wieder zurück auf den Kompost?

Erst mal danke für die lieben Worte und ich kann Andreas nur zustimmen: Einer meiner Lieblingstipps ist nach wie vor: Ansprüche runterschrauben und vor allem nicht von unrealistischen Gartenfotos in Magazinen, Büchern und Blogs lenken lassen. Wenn ich mich irgendwo als „Influencer“ sehe, dann hier die Wahrnehmung zu verändern. Alles, was ich abbilde, wächst auch tatsächlich so in meinem Garten, sowohl Blumen und Stauden als auch eine bunte Gemüsevielfalt. Eben die Möhren, die nicht nur schnell fürs Foto in die Erde gesteckt werden …
Aber zurück zur Frage: Jedes Jahr geht was schief und ebenso gibt es positive Überraschungen. Eine Sache, die ich mir seit Jahren wünsche – die aber bisher noch nicht so recht gelingen will –, ist, Artischockenpflanzen nach dem ersten Jahr durch den Berliner Winter zu bringen. Aber ich werde es weiter probieren – dieses Jahr mit der 50/50 Methode. Die Hälfte der Pflanzen lasse ich im Beet und decke sie gut ab, die andere Hälfte habe ich ausgegraben und versuche, sie im Haus zu überwintern. Bin wirklich gespannt, was dabei rauskommt …

Liebe Caro, ich bin mir sicher, egal was kommt, es wird was Gutes sein. Hab vielen Dank für deine Zeit und bis bald auf Instagram!


 

Gewinnspiel!

Der Kosmos Verlag war so nett mir drei Exemplare von „Abenteuer Garten“ zur Verlosung zu überlassen …

Wer mitmachen möchte einfach hier oder bei Instagram bis zum 15.1.2021 einen Kommentar hinterlassen, dass ihr teilnehmen möchtet.
(2 Bücher verlose ich hier, 1 über Insta)

Die Verlosung findet bei Instagram statt.
Die Gewinner schreibe ich dann an!