„Design und Pflege bedingen sich und sind gleichberechtigt!

Grünes Blut trifft Till Hofmann und seine Frau Fine Molz bei Mohnkuchen und Kaffee in ihrer Gärtenrei in Rödelsee zum Fototermin. Bereits im Vorfeld führten wir schriftlich unser Gepräch.


Der Begriff Strategietypen ist für mich nach einem Treffen in Grünberg eng mit dem ehemaligen Head Gardener des Hermannshofs, Fachautoren und Staudengärtner Till Hofmann verknüpft. Gemeinsam mit seiner Frau Fine Molz betreibt er “Die Staudengärtnerei” in Rödelsee, in deren Onlineshop man die Pflanzen direkt nach Strategietypen gefiltert suchen kann. Fine Molz selbst schrieb ihre Diplomarbeit zu dem Thema, die ebenfalls auf der Homepage einzusehen ist. Das Thema zum Gespräch stand also …


Lesezeit: 15 Minuten

Interview: Till Hofmann, Anke Schmitz ∗ Einleitung: Anke Schmitz ∗ Textbearbeitung: Till Hofmann, Anke Schmitz ∗ Fotos: Anke Schmitz∗ Lekorat: Dr. Ruthild Kropp



GB: Lieber Till, schön, dass du Lust hast, mir Frage und Antwort zu stehen. Ganz naiv zu Beginn gefragt: warum gerade Pflanzen? Warum eigentlich nicht Tiere oder gar ein Bürojob?

TH: Büro kam seinerzeit ja nun überhaupt nicht in Frage, mich zog es schon immer nach draußen. Tiere? Warum nicht? Alternative Landwirtschaft hatte mich als Heranwachsender sehr interessiert. Die Naturliebhaberei ging dann konkret von feuchtem Kleingetier aus, Kröten, Molche, Frösche und so – deren Biotope natürlich Pflanzen brauchen. Irgendwie ging es dann in diese Richtung, Pflanzen sind auch viel selbstständiger und einfacher zu halten. Inzwischen ist mir das Büro allerdings hart auf den Fersen, dem zu entwischen wird immer schwieriger.

GB: Seit wann planst du, plant ihr nach dem Prinzip der Strategietypen? Wie kamst du damit in Kontakt?

TH: Der Impuls kam bei der Arbeit am Hermannshof, wo wir etwa ab 2001 bei der statistischen Aufbereitung von Daten nach Ursachen suchten, warum manche Pflanzungen viel, andere nur wenig Pflege benötigten. Dies schien auf einmal vom Prinzip her erklärbar. Es liegt dann nahe, sich die Erkenntnis für Prognosen zunutze zu machen und das auch in Planungen mit einfließen zu lassen.

Nun liegt wohl der Gedanke nahe, dass die Pflanzen im Garten denselben Plan haben wie in der Natur – niemand kann aus seiner Haut.

GB: Was genau ist die ursprüngliche Idee, auf Basis der Strategietypen bzw. genauer dem Drei-Strategie-Modell von Grime zu planen? 

TH: Ja, warum überhaupt so ein Theorie-Kram? Weil in der Praxis viel zu oft etwas schief geht. Man fragt sich warum, wie kann man es erklären? Was sind denn die viel zitierten „widrigen Umstände“, wenn eine gut gemeinte Pflanzung verkommt? Nur mal wieder lauter Inkompetente außer man selbst? Die ursprüngliche Idee ist es, wieder mal Erkenntnisgewinn bei den Pflanzensoziologen zu suchen. Bereits bei der Entwicklung der bewährten „Lebensbereiche“ von Stauden geschah dies, als in den 70er-Jahren Richard Hansen und Friedrich Stahl pflanzenökologische Erkenntnisse mit gärtnerischer Praxis zusammenbrachten. Die Soziologie beobachtet und dokumentiert das Sozialverhalten von Individuen in ihren Gesellschaften. Sie beschreibt Abläufe und Folgen des Zusammenlebens. Das ist ein komplexes Miteinander, was da abgeht, weil alles immer in Bewegung und voneinander abhängig ist. Im besten Fall macht solche Forschung das Verhalten, in unserem Fall von Pflanzen, verständlicher und somit berechenbarer. Grime hat mit seinem dynamischen Ansatz für Wildpflanzen in der Natur, wie ich finde, sehr gut nachvollziehbar beschrieben, welche verschiedenen Typen von Pflanzen es überhaupt gibt und was von denen zu erwarten ist. Nun liegt wohl der Gedanke nahe, dass die Pflanzen im Garten denselben Plan haben wie in der Natur – niemand kann aus seiner Haut. Wenn das so ist, kann man die Theorie auch für die Praxis brauchen.

GB: Welche Strategietypen gibt es oder anders, wie ist das Modell aufgebaut?

TH: Jetzt ins Detail zu gehen, würde vermutlich bedeuten,  die meisten Leser an dieser Stelle zu verlieren. Stark vereinfacht gibt es jedenfalls drei Grundtendenzen beim Verhalten von Pflanzen: Die großen, starken „Konkurrenzstrategen“, die sich auf Dauer durchsetzen wollen. Die kleinen, scheinbar schwachen „Stress-Toleranz-Strategen“, die sich aber zäh an besonderen Standorten zu behaupten wissen. Die schnellen „Ruderalstrategen“, die massenhaft auftreten, bevor die Großen sie später wieder verdrängen. Neben den drei Grundtypen gibt es alle denkbaren Zwischenformen. Wen es genauer interessiert sollte einen oder mehrere Blicke in die Literatur werfen.

GB: Was genau bedeutet der Begriff Stress in diesem Fall ganz generell? 

TH: Der Begriff „Stress“ meint, dass aus durchaus unterschiedlichen Gründen die Pflanze keine Nährstoffionen aufnehmen kann. Entweder sind einfach keine da oder widrige Umstände verhindern die Aufnahme. Dies kann an Kälte, Trockenheit, der Konkurrenz anderer Pflanzen oder mehreren Faktoren zusammen liegen

GB: Wenn ich nun weiter an die Planung denke, wie kombiniere ich die verschiedenen Typen?

TH: In natürlichen Pflanzengesellschaften kommen meist alle Typen nebeneinander vor, wobei besondere Standorte jeweils bestimmte Strategietypen begünstigen. Auf von Stress geprägten Standorten gibt es, Überraschung, viele Stress-Toleranz-Strategen, aber eben nicht nur! Selbst dort schaffen es stets auch noch ein paar andere. Sollten sich die Verhältnisse ändern, kommt deren Stunde. Das erklärt die enorme Flexibilität von (Pflanzen-)Gesellschaften und deren Wandel bei sich ändernden Bedingungen. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen einem Standort und der Gruppe von Pflanzen, die auf ihm besonders erfolgreich sein kann. Änderungen kommen oft von außen, sehr trockene Sommer etwa, aber auch von innen, wenn sich in dichter werdenden Beständen das Kleinklima ändert und die Ressourcen neu verteilt werden.

GB: Kann man also sagen, da es sich dabei um keine etablierten Pflanzengesellschaften handelt, dass also ab einem gewissen Punkt, den ich vom Design erhalten möchte, ein Eingreifen unumgänglich ist?

TH: Absolut. Das Wissen über den Wandel ersetzt ja nicht die nötige Pflege. Wer seine bestimmte, einmal festgelegte Pflanzenanordnung für so umwerfend genial hält, dass er sie nie wieder geändert haben möchte, versteht nun immerhin, dass solch naturferne Ideen nur durch ständiges Herumschnippeln und -zuppeln bei steigendem Aufwand eine gewisse Zeit lang haltbar sind, wenn überhaupt. Ein gutes Design berücksichtigt den natürlichen Wandel bereits ein Stück weit. Wer ehrlich ist weiß auch, dass ohne angepasste Pflege, die ja nichts anderes ist als eine Art Moderation des ohnehin stattfindenden Wandels, dass also ohne jene Begleitung jedes Gartendesign kurzlebig ist oder zur banalen Karikatur verkommt. Design und Pflege bedingen sich und sind gleichberechtigt! Das gilt übrigens auch für gut etablierte Pflanzengesellschaften/Pflanzungen, nur dass deren Dynamik meist etwas langsamer abläuft als in den ersten paar Jahren.

Das Wissen über den Wandel ersetzt ja nicht die nötige Pflege.

GB: Woher weiß ich, in welche Gruppen oder welche Strategie eine Pflanze verfolgt? Kann ich ihr das ansehen oder komme ich um den Blick ins Buch nicht drum herum?

TH: Wenn man sich viele Jahre mit der Materie beschäftigt hat, wird man wohl rasch einen Verdacht haben, so man einer neuen Pflanze ansichtig wird. Es dauert aber manchmal Jahre, bis man sie in ihrem Dauerverhalten so gut kennt, bis man halbwegs sicher sein kann und die vielen Parameter gewichten kann. Für Einsteiger würde ich auf die Literatur verweisen, um vorschnelle Urteile zu vermeiden. Auf unserer Website haben meine Frau und ich über die Jahre versucht, die Stauden so gut wie möglich einzuordnen, dort kann man entsprechende Abfragen machen. Soll ich den Link verraten?

GB: Natürlich, ja bitte! 

TH: https://www.die-staudengaertnerei.de/Nach-Strategietyp

GB: Ist dein Ziel, am Ende alle die bekannten Pflanzen nach den Strategietypen katalogisiert zu haben, oder worum geht es für dich bei den Strategietypen als Ordnungssystem?

TH: Zentral ist, eine Vorstellung vom Wollen und Können der Pflanzen im Kopf zu haben, weil das bei der Arbeit mit ihnen eine Riesenhilfe ist. Wünschenswert ist es schon, die bestehenden Listen nach und nach zu erweitern und auch zu verfeinern. Dazu braucht es eine gewisse Muße und am besten lebhafte Diskussionen.

GB: Ich will doch nochmal bohren, vielleicht deinen Wahrnehmungsprozess auf eine dir unbekannte Pflanze verlangsamen, die dann zu deiner ersten Einschätzung führt. Welche Punkte klopfst du z.B. mit Blick auf den Habitus ab?

TH: Also gut, Du hast es so gewollt. Vorab: Zeigt das Exemplar überhaupt seine typische Gestalt? Bei im Treibhaus herangezogenen Pflanzen ist genau dies oft nicht der Fall. Auch bei jungen Pflanzen aus gärtnerischer Anzucht ist es schwierig. Letztlich geht es darum herauszubekommen, wie eine Pflanze wohl mit den beiden Beschränkern ungezügelten Wachstums klar kommt, nämlich erstens Stress und zweitens Störung. Beides zwingt die Vegetation zur Anpassung und diese Anpassungen sind erkennbar. Wie ist die Pflanze gewappnet gegen einen möglichen Stressfaktor, etwa gegenüber Hitze oder Kälte? UV-Strahlung oder Lichtmangel? Trockenheit oder Nässe und damit verbundener Luftarmut? Stress, also Wachstumsbeschränkung durch Ressourcenmangel, führt zu gut erkennbaren Anpassungen: Hartes, kleines Laub, silbrige oder wachsartige Blattoberflächen sind Lösungen gegen Strahlung und Wasserverlust, ein kleiner kompakter Wuchs wäre ein weiteres starkes Argument für Stresstoleranz, weiterhin der Trend zur ganzjährigen Belaubung. Motto: „Was man einmal hat, gibt man nicht mehr her“.
Nun geht es noch um die Reaktion auf mögliche Störungen; also den Verlust von Biomasse. Treibt das Teil wieder aus, wenn es abgeschnitten, gemäht, gehäckselt, gefressen, verschüttet oder gebrannt wird oder ist dann Feierabend? Stresstolerante mögen so etwas nicht. Intermediäre CSR-Strategen haben die wenigsten Probleme damit, sie sind vorbereitet durch erdnahe Erneuerungsknospen, Rosetten oder Ausläuferbildung. Reaktionen brauchen Zeit, man sieht sie nicht sofort, muss man also alles mal ausprobieren, gewisse Erfahrungen im Pflanzenquälen braucht es wohl. Es geht bei den Strategietypen aber auch um die Entwicklungsperspektive, also die Wuchsgeschwindigkeit und nicht zuletzt die Lebensdauer. Wächst schon die Jungpflanze rasch und neigt früh zur Blüte, deutet dies stark in Richtung Störungstoleranz, also der Ruderalstrategie. Stets sind jene Pflanzen blütenreich, aber relativ kurzlebig, sie „opfern“ sich quasi für ihre reichliche Nachkommenschaft. Zeigen Pflanzen keine Anpassungen gegen welchen Stress auch immer, haben sie also unverschämt viel Grünmasse und einen entsprechend auftrumpfenden Wuchs, können es entweder ebenfalls ruderale Störungszeiger sein, die bei genug Futter alles schnell umsetzen können, oder aber es sind echte Verdränger, mit dem Plan, ihre (stress- und störungsarme) Umgebung auf längere Sicht dominieren zu wollen und dem Potenzial dies auch zu schaffen. Dafür brauchen sie aber noch gute Überwinterungsorgane – die man erkennen kann. Dicke, verholzte Wurzelstöcke wären ein Indiz. So geht das dann hin und her mit der Einschätzung, etliche weitere Fragen wollen beantwortet und schlussendlich müssen die Argumente gewichtet werden und spätestens hier liegt der Hase begraben, spätestens jetzt braucht es Erfahrung und einen vergleichenden Überblick. Es existiert eine ziemlich fette Tabelle dazu, welche die abzufragenden Kriterien zusammenfasst, „mal eben schnell“ klappt das nur ausnahmsweise.

GB: Bedeutet das auch, dass ich eben mit dem jeweiligen Stresstypen an unterschiedlichen Standorten spielen kann, d.h. eine Hemerocallis dehnt sich vielleicht mit voller Versorgung aus wie nichts, bleibt aber auf magerem Boden recht handzahm, wie ich es im eigenen Garten beobachte?

TH: Natürlich sind die Strategien nicht überall gleichermaßen erfolgreich, da ja die Art von möglichem Stress und die Reaktion auf Störungen an verschiedenen Standorten unterschiedlich ist. Das kann man tatsächlich so nutzen, dass zu starke Pflanzen eher mager gehalten werden, ob das bei Taglilien sehr sinnvoll ist, weiß ich nicht. Die haben eine enorme Standortflexibilität, ich würde die meisten Sorten, jedenfalls die wüchsigeren, als C-CSR-Kombination einordnen. Interessant ist das „Knapphalten“ gerade bei Wildstauden, die auf fettem Gartenboden manchmal total durchdrehen und alles zuwuchern können. Ein Beispiel wäre Zypressenwolfsmich mit ihren Ausläufern oder die Wegwarte durch Versamung.

GB: Wenn ich das richtig verstanden habe, dann kam die Arbeit mit dem Konzept der Strategietypen auf, weil die Grünflächenämter immer größer werdenden Flächen bei immer weniger Personal zu betreuen hatten und man so die naturgegebenen Dynamik von Pflanzen nutzen wollte. Wie wir von dir erfahren haben, setzt die Planung ein gewissen Wissen voraus, sonst kann das Ganze auch mal schiefgehen – gerade an prominenten öffentlichen Flächen möglicherweise ein Risiko. Für welche Flächen eignet sich die Planung auf Basis des Strategietypen Modells?

TH: Erklärungsmodelle wie auch das Grime-Schema mögen auf den ersten Blick theoretisch und lebensfremd wirken, berechnend, nicht wirklich sexy. Aus meiner Sicht erleichtert so etwas aber die Praxis enorm. Ich muss nicht das Verhalten von tatsächlich tausenden Arten und Sorten an den verschiedensten Standorten erlernen, ein Leben reicht ja nicht dafür, sondern darf gezielt vereinfachen. Ich darf in leicht verständliche Gruppen zusammenfassen, was sonst unendlich differenziert gehört. Es erschließt sich etwa schnell, warum ein Stress-Toleranz-Stratege mit seinem angeborenen Sparkonzept auf einem fetten feuchten Boden von seiner besser angepassten Nachbarschaft herausgemobbt wird. Ein Schicksal, dass er vermutlich mit allen seinen Kumpels teilt, die sich durch aufwändige Anpassungen an magere Standorte angenähert hatten und eben nicht dauerhaft bestehen können unter Konkurrenzbedingungen. Auf einem solchen Standort haben derartig funktionierende Pflanzen eben keine dauerhafte Perspektive.

GB: Wann geht’s schief?

TH: Schief geht es, wenn man vergisst, dass das mit den Strategietypen ein vereinfachtes Modell ist und darin ein allein selig machendes Dogma erkennen mag. Ich würde niemals ausschließlich bei einer Pflanzenzusammenstellung die Verbreitungsstrategie in den Vordergrund stellen, aber es ist äußerst nützlich, das zu erwartende Ausbreitungsverhalten mit zu berücksichtigen, vor allem wenn es um die Zukunft geht.

Das Spielerische ist der Anfang aller Inspiration.

GB: Welchen Stellenwert besitzt das Wissen um die Strategietypen im heimischen Garten?

TH: Im Garten kann man sehr gut ohne jede Theorie loslegen und Spaß haben. Man lernt durch Versuch und Irrtum. Das ist absolut in Ordnung, denn der Weg ist das Ziel. Das Spielerische ist der Anfang aller Inspiration. Durch einfühlsame Pflege kann ich im Garten nachher auch gröbere „Fehler“ locker ausbügeln. Etwas Wasser hier, ein Spateneinsatz dort, notfalls einfach neu arrangieren und andere Pflanzen ausprobieren. Von sowas leben wir Staudengärtner.
Etwas anderes ist es aber, wenn ich mit fremdem Geld arbeite, ganz besonders bei Steuergeldern und etwas größeren Flächen. Inspiration braucht es auch, aber jetzt zählt einfach die Realität. Hier spätestens wäre es doch schön, nicht nur zu hoffen, dass eine Pflanzung schon irgendwie gelingen wird, wenn ich etwa meine Lieblingsfarben zusammenpflanze und nachher über den Gärtner schimpfe, wenn er es halt nicht hinbekommt und das Ganz mal wieder verlottert. Zu oft wird einfach nicht verstanden wie Pflanzen „ticken“.

GB: Das Modell wird ja auch hin und wieder als nicht praxistauglich kritisiert. Was sind da die genauen Kritikpunkte und wie stehst du dazu?

TH: Letztlich ist es typabhängig, ob jemand „hinter die Kulissen“ blicken mag, um Zusammenhänge besser zu begreifen, und gerne ein wenig abstrahiert oder lieber rein intuitiv und auf Erfahrungsbasis arbeitet. Mir fällt auf, dass der meiste Zuspruch von Leuten kommt, die Pflanzen kennen und bereits Gartenerfahrung haben, aber noch nicht über tiefer gehende Kenntnisse verfügen. Ihnen hilft so ein Modell als eine Art Kompass, um die Richtung besser einschätzen zu können. Leute, die mit Kompassen nicht umgehen können oder möchten, finden ihren Weg halt irgendwie anders, fragen herum, kaufen ständig Gartenhefte. Wer wiederum in diesen Dingen zu Hause ist und sich bestens auskennt, braucht auch keinen Kompass und schmeißt das Ding weg. Das ist natürlich ideal.

GB: Geht diese Kritik nicht auch in Richtung Pflege, dass es dabei schnell zu einer Überforderung kommen kann?

TH: Überforderung? Weil ein einfacher Gärtner so etwas nicht kapieren kann? Wie gesagt, es ist typabhängig. Menschen, die vielleicht ein Defizit haben oder was wirklich sehr viel schlimmer ist, beim Arbeiten ihr Hirn am liebsten ausschalten, werden sich für solche Fragen schwerer begeistern lassen als offene, neugierige Exemplare. Dazu muss ich anmerken, dass erfolgreiches Gärtnern immer mit dem Gleichgewicht aus Tatkraft und Entschlussfähigkeit zusammenhängt, und Entschlüsse brauchen neben der so wichtigen Erfahrung und Intuition eben auch Wissen um die Materie. Wir Gärtner lernen ja täglich dazu, wenn wir draußen mit der Natur arbeiten. Es kann dabei nur guttun, grundlegende Zusammenhänge ein klein wenig besser zu verstehen. Das ist und bleibt natürlich auch ein wichtiger Punkt für die Weiterbildung.

GB: Nachdem was du mir bisher erzählt hast, klingt das Ganze ziemlich komplex zu antizipieren. Jetzt hast du natürlich über die Jahre viel Erfahrung gesammelt, aber trotzdem … um uns alle zu enthemmen und locker werden zu lassen, bitte einmal Hand aufs Herz: Wie oft wird es so, wie du es dir bei der Planung im Kopf vorstellst, und wie oft wirst du überrascht?

TH: Rückschläge und Überraschungen gehören einfach dazu, gerade wenn man mit lebendigem Material arbeitet bzw. spielt. Es bleibt immer auch ein Stück weit Lotterie, das hält die Spannung hoch, doch solange die positiven Überraschungen überwiegen, ist alles gut. Immerhin bin ich besser in der Lage, das Scheitern nachher zu verstehen, und zumindest bei Staudenpflanzungen klappt es schon ganz gut, böse Überraschungen bleiben zunehmend aus und haben meist mit Molusken zu tun, Rotwild oder Wildschweinen, mit Kaninchen oder Wühlmäusen, mit Läusen, Raupen, Spätfrösten und lauter Idioten ;- ). Mir persönlich haben die Überlegungen über die Strategietypen schon sehr dabei geholfen.

GB: Welche Rolle spielt bei dieser Einordung und Analyse auch das Gespräch mit Fine, die ja zu dem Thema ihre Diplomarbeit geschrieben hat?

TH: Wie an anderer Stelle gesagt, Diskussionen sind sehr produktiv, sonst brät man im eigenen Saft. Es ist einfach wunderbar eine Partnerin zu haben, die die eigenen Interessen nicht nur teilt, sondern voranbringt.

GB: Zum Abschluss nochmal den Blick auf das Gute. Das Ende bleibt ja immer hängen. Was war in letzter Zeit die schönste Überraschung dieser Art? 

TH: Auch an unserem neuen, klimatisch trockenen und warmen Standort im unterfränkischen Rödelsee erweisen sich unsere Staudenpflanzungen tatsächlich als sehr effektive Begrünung. Zusammen mit einem guten Mulchkonzept sind sie schnell zu etablieren, dauerhaft, preiswert und stressfrei. Was man von unseren Gehölzpflanzungen, ganz zu schweigen von den Rasenflächen, in den vergangenen beiden Sommern und diesem trockenen Frühjahr nicht sagen kann.

GB: Lieber Till, hab herzlichen Dank für das Gespräch!


NOCH EIN KLEINES BISSCHEN WEITER RUNTER SCROLLEN UND GRÜNES BLUT MIT EUREM KOMMENTAR MITGESTALTEN!