GB Telegramm: Boden

"Auf dem Acker" von Michail Konstantinowitsch Klodt von Jürgensburg, 1872, Tretjakow-Galerie Moskau.

Die Fachautorin und Journalistin Ina Sperl veröffentlichte vor kurzem ihr Buch mit dem Titel „Der Boden“ im Gräfe und Unzer Verlag. Im Telegramm erteilt Sie zu dem Thema Auskunft.


Lesezeit: 10 Minuten

Interview: Ina Sperl, Anke Schmitz ∗ Textbearbeitung:Ina Sperl, Anke Schmitz ∗ Lektorat: Dr. Ruthild Kropp ∗ Beitragsbild: „Auf dem Acker“ von Michail Konstantinowitsch Klodt von Jürgensburg, 1872, Tretjakow-Galerie Moskau ∗ Bildquelle: Wikimedia commons



GB:
Liebe Ina! Wie schön, dich  nach so kurzer Zeit wieder als Gesprächspartnerin zu haben. Was genau umfasst der Begriff Boden eigentlich?

IS: Liebe Anke, danke schön. Boden ist das, was uns trägt – in doppelter Hinsicht. Boden ist das, worauf wir gehen, worin Bäume wurzeln und worauf Getreide wächst. Er ist das, was sich hinter den Kellerwänden und unter dem Supermarktparkplatz verbirgt: Ein Gefüge aus organischem und anorganischem Material, Wasser, Luft, Nährstoffen und jeder Menge Lebewesen. Er ist eine Gegebenheit, der wir ganz unterschiedlichen Wert beimessen können – eine Fläche, die Lebensmittel erzeugt, eine Immobilie, die Gewinn bringt oder ein Wald, der Erholung bietet. Oft kommt dabei zu kurz, dass der Boden die wichtigste Ressource für uns Menschen, für Tiere und Pflanzen ist. Denn ohne seine oberste, manchmal nur einige Zentimeter dicke Humusschicht, gäbt es kein Leben auf der Erde. Ohne fruchtbaren Humus voller Kleinstlebewesen, Algen, Bakterien und Regenwürmer kann keine Pflanze wachsen, die uns oder die Tiere ernährt. Boden hat auch einen politischen Aspekt. Denn fruchtbare Flächen sind weltweit begrenzt, inzwischen hart umkämpfte Ressourcen. Darüber hinaus schrumpfen sie, denn durch eine falsche Bewirtschaftung geht der Humus schneller verloren, als er wieder aufgebaut werden kann. Boden wächst unendlich langsam, etwa einen Zentimeter pro Jahrhundert. Derzeit schwindet er vielerorts fünf Mal so schnell.

GB: Was kann ich in meinem Garten selber für den Boden tun? 

IS:Ihn erst mal kennen und schätzen lernen. Denn er ist die Grundlage von allem – vom Rasen, Staudengarten oder Gemüsebeet. Wer in der Erde wühlt, trifft auf Regenwürmer und Springschwänze, Ameisen und Asseln und lauter kleine Unbekannte. Oft sind sie uns nicht ganz geheuer, sie leben tief im Verborgenen, sehen komisch aus wie Käferlarven oder sind mit bloßem Auge gar nicht sichtbar. Wir wissen kaum etwas über sie. Dabei hat jedes von ihnen seine Aufgabe: Sie alle zersetzen pflanzliche Reste und verwandeln sie in fruchtbare Erde. Sie machen die Nährstoffe, die aus dem Gestein und der organischen Masse stammen, für die Pflanzen verfügbar. Ein lebendiger Boden braucht in der Regel kaum Dünger, nur eine Zufuhr von genügend organischem Material. Durch Recycling von Gartenabfällen, also eigenen Kompost, kann ich diesen Kreislauf am Leben erhalten.

GB: Warum ist seine Qualität für mich als Gärtner wichtig?

IS: Wenn ich weiß, wie der Boden beschaffen ist – wie dick die Humusschicht ist und was sich darunter verbirgt – dann kann ich besser auswählen, was ich in den Garten hole. Möhren wollen in schwerem Ton nicht gut wachsen, gedeihen aber in sandigen Böden. Dort fühlen sich auch Silberdisteln wohl, Phlox dagegen eher in lehmiger Erde. Bis zu einem gewissen Grad kann ich den Boden im Garten auch verändern: Sandigen Boden anreichern, schwere Erde auflockern. Auf jeden Fall erhöht Kompost die Qualität, da er den Boden lebendig hält.

GB: Wie finde ich ganz generell heraus, was für einen Boden ich zu Hause in meinem Garten habe?

IS: Mit einer Handvoll Erde: eine kleine Kugel rollen und dann eine längliche Rolle daraus machen. Wenn sie glatt ist und an der Haut haftet, enthält die Erde viele Tonpartikel. Bricht die Rolle leicht auseinander, ist der Anteil von Schluff – größeren Partikeln – höher. Sandiger Boden lässt sich gar nicht formen, er rieselt aus der Hand. Meist gibt es eine Mischform: Lehm. Der kann wiederum sandig-bröselig sein tonig-fest, mit vielen Zwischenstufen.
Aber auch der pH-Wert ist entscheidend, denn von ihm hängt ab, wie gut die Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar sind. Je saurer, desto gebundener bleiben die Elemente und können nicht über die Wurzeln aufgenommen werden. Ideal sind neutrale Böden mit pH-Werten um 6,5 bis 7,5. Im Handel gibt es Test-Sets, mit denen man den pH-Wert selber ermitteln kann. Weitere und genauere Angaben erhält man durch eine Bodenprobe, wie sie zum Beispiel Landwirtschaftskammern anbieten. Die Probe wird entnommen und eingeschickt, das Ergebnis kommt dann per Post und gibt Aufschluss über Kalkgehalt und Stickstoff, Phosphor, Magnesium und Kalium, möglicherweise auch über Schadstoffe. Wenn ich weiß, welche Stoffe vorhanden sind in meinem Boden, kann ich gegebenenfalls das Düngen daran anpassen. Heute ist zum Beispiel meistens bereits genügend Stickstoff vorhanden.

GB: Was sind die schwerwiegendsten Fehler, um meinen Boden zu schädigen?

IS: Ihn versiegeln und bebauen. Dadurch wird das Bodenleben dezimiert. Anstatt einen Autostellplatz zu pflastern, kann er mit Rasengittersteinen gestaltet werden – das erlaubt, dass Luft und Wasser an die unteren Bodenschichten kommt. Pestizide und Herbizide im Garten können Bodenlebewesen schaden, manchen Regenwurmarten bekommen chemische Pflanzenschutzmittel gar nicht. Dabei gilt es, gerade diese Tiere zu schützen, wenn der Boden in einem guten Zustand bleiben soll. Man muss sich klar machen, dass sich unter der Erde ein ganzer Kosmos verbirgt, den es so wenig wie möglich zu stören und auf jeden Fall am Leben zu erhalten gilt.

GB: Wie kann ich das häufige Problem der Bodenverdichtung beheben – wenn überhaupt?

IS: Wurzeln haben die Kraft, auch dichte Böden aufzulockern. Lupinen bilden tiefe Pfahlwurzeln auf, auch Ackerbohnen, Ölrettich und Gelber Senf bahnen sich tiefe Wege in die Erde. Mit einer Gründüngung aus solchen Pflanzen kann schon viel erreicht werden. Ist der Boden sehr hart und wenig humusreich, wird er mit Spaten oder Grabgabel gelockert und mit Kompost, gegebenenfalls auch Sand, versetzt. Ist er nur ein bisschen festgetreten oder verdichtet, wird behutsam mit einer Grabegabel gelockert: Einstechen und leicht hin und her bewegen.

GB: Dein ultimativer Bodenverbesserungstipp?!

IS: Kompost, Kompost, Kompost! Gartenabfälle auf dem Grundstück recyceln und der Erde wieder zurückgeben. Außerdem ist es sinnvoll, für eine möglichst geschlossene Vegetationsdecke zu sorgen, auf dem Gemüsebeet zum Beispiel mit Zwischenfrüchten und Gründüngung. So wird der Erosion vorgebeugt. Im Herbst gilt: Laub liegen lassen für die Regenwürmer. Sie ziehen sich Blätter sogar zwischen feinen Platten-Ritzen in die Erde.

GB: Danke, liebe Ina, sowohl für deine Expertise als auch für dein jüngstes Buch.