GB Lesen: „Genießen statt Gießen“.

Liegestuhl auf Bohlenweg mit einer naturalistischen Pflanzung bestehend aus verführerischen Gräsern und Stauden wie Nasella tenuissima, Salvia nemorosa, Nepeta, Verbena bonariensis - Juli, Maison de l'arbre, France, Foto: Annette Leppele

Das Buch „Genießen statt Gießen“ von der renommierten Gartenfotografin und Planerin Annette Lepple packt das wohl brennendste Thema der Gegenwart an: die immer trockener und heißer werdenden Sommer. Nach einem Intro zu den Auswirkungen von Trockenheit, stellt Annette sowohl unterschiedliche passende Gartenstile als auch Pflanzkonzepte und Sorten vor, die selbst bei starker Trockenheit den Garten attraktiv aussehen lassen und zum Genießen einladen. Meine Freundin Ruthild war sofort mit von der Partie, Annette zu ihrem Buch zu befragen, hatten sie doch bei diesem mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2018 ausgezeichneten Werk selbst lektoriert …


Lesezeit: 5 Minuten

Interview: Annette Lepple, Ruthild Kropp ∗ Einleitung: Anke Schmitz ∗ Textbearbeitung: Annette Lepple, Ruthild Kropp ∗ Fotos und Copyright: Annette Lepple ∗ Lekorat: Dr. Ruthild Kropp, Malte von Szombathely


RK: Du hast bereits mehrere Gärten in verschiedenen Klimalagen bearbeitet. Jetzt lebst Du im Süden Frankreichs, d. h. in trockeneren Regionen als wir hier in Deutschland. Warst Du beim Schreiben von deinem Garten dort inspiriert? War es deshalb ein Thema, das Dir nur so aus der Feder floss?

AL: Ich lebe im Wallis/Schweiz und im französischen Zentralmassiv. Beide Regionen sind klimamäßig eine Herausforderung. Da ich auch Gärten gestalte und mir Nachhaltigkeit und Genuß ein Anliegen sind, setze ich mich seit vielen Jahren damit auseinander, wie man diese Ziele am besten umsetzt. Dazu gehört natürlich auch die richtige Pflanzenwahl. Sommerliche Trockenheit ist aber mittlerweile nicht nur dort ein Thema, sondern auch in vielen anderen Gegenden. Die Sommer der letzten Jahre zeigen, dass wir umdenken müssen. Nur dann wahren wir den Genußfaktor und reduzieren den Stress.

RK:„Genießen statt Gießen“ ist ein toller Titel, der an Gartenliege statt Gartenarbeit denken lässt. Der Genuss stellt sich natürlich erst nach getaner Arbeit ein, nachdem der trockenheitstolerante Garten geplant, die Beete angelegt und die Pflanzen eingewachsen sind – aber dann hat man wirklich mehr Ruhe als in anderen Gärten. Was war Deine Intention bei diesem Buch? Entspanntes Gärtnern? Mehr Menschen zum Gärtnersein zu inspirieren?

AL: Für mich ist Genuss ein ganz essenzieller Teil des Gärtnerns. Zudem mag ich lebendige Gärten, in denen es flattert, summt und brummt. Ich möchte aufzeigen, dass Gärtnern eine genussvolle, entspannte Aktivität ist und gleichzeitig dem beängstigenden, um sich greifenden Trend der seelenlosen „Nicht-Gärten“ entgegenwirken. Heute soll der Garten ja möglichst selbstpflegend sein und keinen „Dreck“ verursachen. Ein Garten ist aber ein Miteinander, ein Austausch. Etwas zu hegen, wachsen oder auch sterben zu sehen, das ist eine Bereicherung und wichtig für die eigene Entwicklung. Der Garten ist für mich ein Refugium, ohne das ich nicht sein kann. Er hilft mir dabei, mich zu erden und in einer verrückten Welt nicht den Verstand zu verlieren. Wenn ich andere inspirieren kann, es auch so zu sehen, bin ich froh.

RK: Seelenlos und selbstpflegend, das sehen wir ja immer wieder in manchen Vorgärten. Bei uns um die Ecke habe ich so ein Beispiel, vor wenigen Wochen neu angelegt und jetzt sieht man bereits „Unkräuter“ in dem groben Schotter. Also alles andere als selbstpflegend, aber ganz sicher seelenlos. Aber es gibt sie, die schönen Kiesgärten. In Deinem Buch finden sich wunderschöne Beispiele, da frage ich mich, ob solche naturalistischen Gartenkonzepte auch für die Stadt machbar sind.

AL: Kiesgärten –und da meine ich wirklich Gärten und keine Schotterwüsten– sind von Natur aus sehr dynamisch, was sie besonders spannend macht. Pflanzen, die in diesem Habitat gedeihen, sind anspruchslos und trockenheitsverträglich, d.h. solche Gärten sind weniger aufwändig in der Pflege als traditionelle Anlagen, aber in keinem Fall unterhaltsfrei. Kiesgärten lassen sich unterschiedlich interpretieren und an fast jede Gegebenheit anpassen. Ob mediterran, wild-natürlich oder modern – man genießt große gestalterische Freiheit. Kreativ bepflanzte Kiesflächen in Verbindung mit Trockensteinmauern und Wasser schaffen ideale Bedingungen. Auf mageren, trockenen Böden findet sich eine enorme Pflanzenvielfalt, die wiederum attraktiv für Insekten ist. Mit den Insekten kommen Vögel, Fledermäuse und andere Tiere – der Garten wird lebendig! Während andere ihre Thuja-Hecken, Prachtstaudenbeete und den Rasen wässern, darf man hier die Gießkanne stehen lassen und von der Hängematte aus Schmetterlinge & Co. beobachten. Die Ästhetik eines solchen Gartens ist natürlich eine andere, und daran müssen sich viele erst gewöhnen.

RK: Du brichst am Anfang Deines Buches eine Lanze gegen den Rasenkult und plädierst für Alternativen: für das trockenheitsverträgliche Gras Zoysia, das Hundszahngras (Cynodon dactylon), für Bodendecker … Ich bin da ganz auf Deiner Seite und ärgere mich, dass ich in meinem Kleingarten auf ein ordentliches Bild und damit auf einen kurzen Rasen achten muss. Ein Tipp für Kleingärtner: Wie kann man seinen Rasen in einen Kräuterrasen verwandeln?

AL: Wenn ich einen Kleingarten hätte, würde ich ganz auf Rasen verzichten. 😉 Mein nächster Garten wird kein Gras mehr haben. Der Rasen ist in unserer Kultur ein Statussymbol, aber keineswegs unabdinglich. Kleine Grundstücke lassen sich kreativ und vielseitig ohne Rasen gestalten. Meist kommen Wildkräuter von allein, wenn man abwartet. Sobald man die herkömmliche Rasenpflege einstellt, bei der alles, was nicht Gras ist, ausgemerzt wird, entwickelt sich eine eigene Dynamik. Alternativ kann man auch einige Pflanzen (Margeriten, Thymian, Gänseblümchen, Krokus, Narzissen) in den bestehenden Rasen setzen, um die Sache in Schwung zu bringen. Bei Neuanlagen wählt man gleich eine Kräuterrasenmischung. Ideal sind heimische Kräuter, die an den Standort angepasst sind. Ein Kräuterrasen ist pflegeleicht und eine Augenweide.

RK: Die Vielfalt an Pflanzen, die Du in Deinem Buch vorstellst, ist wirklich ziemlich groß. An welchen Standorten finden sich solche Pflanzen in der Natur?

AL: Die Pflanzen kommen aus ganz verschiedenen Teilen der Welt. Sie haben aber eines gemeinsam: ihre Anpassungfähigkeit und Trockenheitsverträglichkeit. Egal wo ich bin, gehe ich immer mit offenen Augen durch die Gegend und lasse mich von jenen Pflanzen inspirieren, die „einfach so“ wachsen, sei es in der Natur oder auf vernachlässigten Grundstücken. Da kann man so viel lernen.

RK: In Deinem Buch schreibst Du: „Anpassung ist das Zauberwort“ (S. 13) und meinst damit sowohl Pflanzen als auch Gärtner. Pflanzen haben sich über Jahrmillionen angepasst, wir Gärtner haben diese Zeit nicht. Gibt es Initiativen, Vereine oder andere Communities, die Du empfehlen kannst, damit man die konservativen Gärtner aufrüttelt, etwas bewegen kann? 

AL: Wir Gärtner können uns viel schneller anpassen. Der erste Schritt ist, dass wir Ideale und Wertvorstellungen hinterfragen und kritischer werden. Die Medien spielen ja auch da eine große Rolle und prägen unsere Vorstellung vom „Traumgarten“ enorm mit. Der englische Garten ist heute noch ein wichtiges Vorbild, aber auch in Großbritannien gab es in den letzten Jahren Dürren. Ich denke, auch dort wird man nicht umhin können, sich neu zu orientieren. Ich bin weniger ein Vereinsmensch, lasse mich aber von anderen Menschen inspirieren, die erkannt haben, dass wir neue Wege beschreiten müssen. Zu ihnen zählen Noel Kingsbury, Petra Pelz, Thomas Rainer, Olivier Filippi – sie teilen ihr Wissen großzügig in Büchern und auf Blogs. Ich bin überzeugt, dass sich die Welt ändern lässt. Dafür muss man bei sich selbst im Kleinen anfangen. Das ist nicht immer bequem, aber jede noch so kleine Geste zählt.

RK: Auf deiner Homepage erwähnst Du, dass es bald ein neues Buch geben wird. Zwei hast Du ja schon veröffentlicht: „Gartenträume“ 2015 und eben „Genießen statt Gießen“ 2018. Jetzt sind wir natürlich neugierig: Worum geht es in Deinem nächsten Buch?

AL: Dazu kann ich im Augenblick noch nicht viel verraten, nur dass mein neues Buch eine philosophische Note hat und den Schlüssel zum Glück birgt. Ich freue mich schon sehr darauf. 🙂

RK: Vielen Dank für das Interview, liebe Annette!


 

Buchverlosung!

Die ersten zwei Leser, die einen Kommentar hinterlassen, gewinnen ein Exemplar von
„Genießen statt Gießen“.

Ein großes Dankeschön dafür an den Ulmer Verlag!