GB Telegramm: Komponierte Staudenwiesen anlegen und pflegen.

Paul Klee, "Flora auf Sand", 1927

Gartengestalterin Dorothea Steffen liefert die wichtigsten Facts zur Anlage einer komponierten Blumen- bzw. Staudenwiese.


Lesezeit: 15 Minuten

Interview: Dorothea Steffen, Anke Schmitz ∗ Textbearbeitung: Anke Schmitz ∗ Lektorat: Dr. Ruthild Kropp ∗ Beitragsbild: Paul Klee, „Flora auf Sand“, 1927, Felix Klee Collection, Bern ∗ Bildquelle: Wikiart



GB:
Liebe Dorothea, schön, dass ich dich als Gartengestalterin und bekannten Staudenfan zum Thema befragen darf! Wie würdest du ganz allgemein den Charakter einer Wiesenpflanzung beschreiben? 

DS: An erster Stelle in einer Wiese stehen die Gräser, ein Anteil von 80 % ist üblich, auch eine Anteil von 50 % ist schon sehr gräserlastig, denn mit der Zeit setzen sie sich stärker durch und der prozentuale Anteil erhöht sich.
Die Art und Weise, wie eine Wiese gepflanzt wird, finde ich außerdem wichtig. Dort ist alles ineinander verwoben und wächst miteinander. Die Blüten sind meist klein und zart und selten drängt sich etwas in den Vordergrund. Manchmal gibt es vereinzelt Höhe durch Disteln z. B. oder Doldenblüher, auch das Laub ist meist fein, selten gibt es grobes Laub. Dieses Miteinander fasziniert mich immer wieder! 

GB: Klingt vom Look her homogen. Wie pflanze ich denn eine komponierte Staudenwiese?

DS: Die Pflanzen werden meist in Matrix gesetzt und nicht im Block, d. h. die Pflanzen werden über die ganze Fläche verteilt, können punktuell auch mal vermehrt auftauchen, aber nicht als großer Block an Block. Nigel Dunett hat anhand feiner Beobachtungen an Vegetationsbildern einige Gesetzmäßigkeiten heraus gearbeitet. „Take three!“ z. B., das heißt drei Partner bestimmen das Bild und vertiefen den visuellen Eindruck. Hierbei geht es nicht so sehr darum, die größte Diversität zu erzeugen, sondern um Gartendesign oder wie eben Piet Oudolf sagte: „Es geht nicht darum, ein der Natur nachempfundenes Bild zu schaffen, sondern um eigenes Design“. Ferner spricht Nigel Dunett von dem Geist einer Landschaft, den man in hochentwickelte, künstliche und zeitgenössische Räume übertragen kann. Er orientiert sich an dem Formenreichtum der Pflanzen und bevorzugt eine „visuelle Ökologie“ und steht so im Gegensatz z. B. zu Highmough und Nürnberger, die ihre Pflanzenbilder von biogeographischen Pflanzengemeinschaften ableiten. Ferner ist es ganz wichtig, Räume zu entwickeln, um Privatsphäre und Geborgenheit zu schaffen. Gerade wiesenhafte Pflanzungen brauchen einen Rahmen, ein sauber gemähter Rand oder ein Formgehölz schaffen ein Gefühl von Geborgenheit und Ordnung. 

GB: Wie steht es um die Pflege und Haltbarkeit einer solchen Pflanzung? 

DS: Kein Gartenbild hält ewig, die Tendenz ist, dass Gehölze überhandnehmen und das Bild bestimmen. Üblicherweise sagt man, dass eine Beet nach sieben Jahren wieder aufgenommen und neu angelegt wird. Oder man ist kontinuierlich daran, das Beet zu verändern. Es ist meist recht schwierig, in eine bestehende Staudenpflanzung neue Pflanzen zu etablieren, sie müssen wirklich frei stehen und dürfen nicht von hohen Stauden überdeckt werden. Meist wird die Staudenwiese im zeitigen Frühjahr zurückgeschnitten, man kann aber auch spät austreibende Gräser etwas länger stehen lassen – ganz nach dem eigenen ästhetischen Empfinden. Wichtig für eine geringe Pflege ist das sehr enge Pflanzen der Stauden und Gräser, so kann man bis zu 12 Pflanzen/qm setzen. Dann können sich die Pflanzen durchweben, ganz so wie in heimischen Wiesen. Ebenso wichtig ist, dass der Boden schon im ersten Jahr vollkommen bedeckt ist, das verhindert das Keimen von unerwünschten Beikräutern. Eine Mahd, die bei echten Wiese so wichtig ist, entfällt, denn es sind ja eigentlich gräserbetonte Staudenbeete. 

GB: Jetzt haben wir bis zu diesem Punkt viel über, nennen wir es mal, technische Fragen zum Thema gesprochen. Mich interessiert ja auch immer das Warum überhaupt und Wieso jetzt? Was fesselt uns aus deiner Sicht so an Blumenwiesen und was sagt es über unsere Gesellschaft, in der nun diese Sehnsucht nach diesen immer stärker naturhaften werdenden Bildern wieder wach wird? 

DS: Es werden mit diesen Wiesenbildern ganz klar Emotionen geweckt, denn die zarten und feinen Gestalten der Wiesen berühren uns in der Seele. Liegt es daran, dass wir so etwas schon einmal in unserer Kindheit wahrgenommen haben? Oder sind wir im Urlaub auf zauberhafte Wiesen gestoßen, z. B. die Kräutermatten der Alpen oder die Borstgrasrasen der Rhön? Meine Kinder sagten einmal zu mir, dass ihre intensiven Kindheitserinnerungen, die Spiele in den hohen Heuwiesen und das Gematsche in der Senke der Kuhwiese waren. Solche Naturerfahrungen können heute nicht mehr gemacht werden, denn wo gibt es noch Wildnis vor der Haustür, in der es für uns Kinder früher doch am besten zu spielen war. Der Landwirt sitzt heute auf seinem computergesteuerten Traktor und fährt durch die ausgeräumte Landschaft. Meine Eltern kannten den Maikäfer noch als Kartoffelplage, ich dagegen war froh über jeden dicken Gesellen, der abends laut vor sich hin brummte.
Unsere Kinder kennen den Maikäfer doch nur noch aus Büchern. Wenn wir die Kinder nicht gezielt an die Natur heranführen, geht die Wertschätzung für sie leider immer mehr verloren. So ist doch eine Sehnsucht nach Natur zu spüren, denn wo gibt es noch ansehnliche Wiesen und Blühstreifen? Das ist nicht die Landschaft unserer Kindheit, dort gab es noch Senken auf den Wiesen und der Ruf der Kiebitze verkündigte das Frühjahr. Piet Oudolf sagte in einem Interview dazu: „Ich glaube, wir fühlen uns der Natur gegenüber schuldig, deshalb wollen wir mehr Pflanzen um uns haben.“ (Zeitschrift Gartendesign) „How dare you!“ aus der Rede von Greta Thunberg zeigt eine tiefe Emotion, eine Sorge um die Zukunft, können wir mit einer wiesenhaften Gartengestaltung vielleicht das Gegenteil bewirken? Können wir vielleicht mit diesem „WOW“ Effekt eine positive Emotion erwecken? 

GB: Stichwort Neophyten in diesem Kontext. Manchen Menschen sind sie ein Dorn im Auge. Daher stellt sich für den einen oder anderen die Frage, wieso denn eine komponierte Wiese, wenn ich auch die „heimische“ Blumenwiese mit scheinbar unendlicher Haltbarkeit haben kann, die vielleicht auch noch größeren ökologischen Wert besitzt? Oder anders: warum faken, wenn ich auch das Original haben kann? 

DS: Ich hole an dieser Stellen ein wenig aus. Am Anfang eines Garten steht ein Traum, ein Bild oder eine Vision und die Gegebenheiten des Ortes. Diese Bilder sind sehr wichtig und müssen dann vor dem Hintergrund des Genius Loci geboren werden. Der Beginn einer Pflanzung ist wie ein neugeborenes Kind: Am Anfang braucht das Beet noch besondere Hinwendung, aber nach ein paar Jahren strahlt es in seiner Schönheit. Wenn es ins Alter kommt, braucht es dann wieder mehr Pflege. Diese Hinwendung und Aufmerksamkeit bereiten Freude und werden als Bereicherung erlebt. Es kommt dabei nicht darauf an, wie groß ein Garten ist, denn die Freude, die er mir schenkt, kann auch im kleinen Garten groß sein. Es wird ein Ort zum Wohlfühlen, Entspannen und Träumen und bietet Lebensraum für Tiere, Insekten und Amphibien. Es ist wirklich spannend, wie man da kreativ sein kann, denn je mehr wir verschiedene Gestaltungselemente einbauen, Sand, Wasser, Totholz und Mauern, desto größer die Biodiversität. Da sind die Pflanzen als Nektar- und Pollenquelle nicht das einzige wesentliche Kriterium zum Artenschutz. Heimische oder nicht heimische Pflanzen? Darum wird gerade viel Wind gemacht, aber nur die oliogolektischen Wildbienen sind streng auf ihre heimischen Pflanzen angewiesen. Deshalb ist es schon wichtig, diese Pflanzen im Garten anzubieten, vor allem Glockenblumen seien da genannt für die Glockenblumen-Scherenbiene. Aber auch der Natternkopf hat seine eigene Mauerbiene, Osmia adunca. So ist doch ein Mischung aus heimischen und globalen Pflanzen im Garten eine attraktive Lösung, denn die meisten heimischen Pflanzen sind mit der Blüte schon im Juni zu Ende, passend zu der Aktivität der Wildbienen. Ein später Blütenflor von Präriestauden und Astern erfreut die polylektische Insekten, voran die Honigbiene, und uns Menschen. Eine generelle Verteufelung aller nicht heimischen Pflanzen als Neophpyten finde ich reichlich übertrieben. Sicher darf man das Problem der Aussaat  und Verbreitung bestimmter Pflanzen, wie das indische Springkraut oder der japanische Knöterich, nicht unterschätzen, aber laut einem Bericht von Prof. Dr. Norbert Kühn und Julia von Vietingshoff ist bis jetzt keine vermehrte Ausbreitung von Präriepflanzen zu beobachten. Bei Miscanthus und Solidago kann es anders aussehen, denn durch den Klimawandel kommt der Miscanthus vermehrt zur Blüte und so zur Aussaat, was ich auch so bestätigen kann. In der Schweiz sind die nicht heimischen Arten der Goldrute auf der Schwarzen Liste, d. h. sie dürfen weder vermehrt, noch gehandelt oder gepflanzt werden, aber es gibt Ergebnisse von Norbert Kühn, dass die Präriepflanzen nicht als Neophyten auftauchen, die Cool-Season-Gräser sind da stärker … spannendes Thema, habe ich grade zu gelesen. (Stadt und Grün 11.19) 

GB: Noch aus reiner Neugierde, denn viele kennen bestimmt die tollen Bilder, die du bei den Staudenfreunden auf Facebook von deinen Reisen teilst: Wo hast du die für dich schönsten Blumenwiesen gesehen?

DS: Ich habe einige botanische Exkursionen gemacht und kann z. B. aus Kirgistan berichten. Dort findet man die schönsten Wiesen der Welt, denn die extensive Landwirtschaft und die Weite des Landes bringen feine Vegetationbilder hervor. Dies ist für die Kirgisen Natur und es besteht kein Grund, dieses Kraut in den Garten zu holen, der vorwiegend Obst und Gemüse enthält. Ganz anders in Europa, wo Wildstauden, zarten Wiesenstauden und Insektenpflanzen gerade im Garten sehr angesagt sind. Es gibt in Schweden ein tolles Beispiel, wie ein Garten der Zukunft aussehen kann. Inmitten von Stockholm liegt die ehemalige Parkanlage „Rosendahl“. Dort wird nun biologisch Gemüse angebaut und dann im dazugehörigen Restaurant verarbeitet. Auch Blumensträuße können gepflückt werden. Diese Form der Interaktion bezeichnet Dunett als „positiver Vandalismus“, wie positiv, wenn echter Kontakt zur Natur nicht mehr gegeben ist. So bringt ein Garten nicht nur positive Gefühle hervor, sondern auch Essbares. Die ganze Urban-Gardening-Kultur hat dieses zum berechtigtem Ziel. 

GB: Zum Abschuss, liebe Dorothea, noch deine ultimativen Lieblingskombinationen?

DS:Es ist die Kombination von Sesleria autumnalis mit hohem Sedum, wie im Berne-Park zu sehen ist … oder Nasella mit dem Sedum ‘Red Cauli’, oder Japanisches Blutgras mit Sangiusorba tanna. Die Bilder sprechen für sich, die letzten drei Fotoaufnahmen zeigen Blumenwiesen in Kirgisistan … 


WELCHER INTERVIEWPARTNER INTERESSIERT EUCH? WELCHE GESPRÄCHSTHEMEN FINDET IHR SPANNEND?

NOCH EIN KLEINES BISSCHEN WEITER RUNTER SCROLLEN UND GRÜNES BLUT MIT EUREM KOMMENTAR MITGESTALTEN!