„Manches versteht man, bis man sich aus dieser Welt verabschiedet, noch lange nicht.“

GRÜNES BLUT trifft den Naturkundler, Gärtnermeister und Fachautoren Sven Nürnberger Mitte März, an einem eisigen Montag, vor einem seiner Vorträge, im Palmengarten Frankfurt

 


Auf Sven Nürnberger wurde ich von meiner Lektorin Ruthild aufmerksam gemacht. Sie berichtete mir von dem im Palmengarten Frankfurt angestellten Pflanzen-Reisenden und sofort schossen mir Gedanken von wilden Abenteuern in unberührter Natur, weitab von den Touristenströmen, und aufklärerischem Gedankengut à la Alexander von Humboldt  durch den Kopf. Bisher war ich noch nie jemandem begegnet, der den Schritt aus dem Garten hinausging, um mehr oder weniger bekannte Gartenpflanzen und Pflanzenfamilien am Naturstandort aufzusuchen. Von grünem Blut war bei Sven also eindeutig auszugehen. Nach Vorgespräch und Interviewtermin wird mir das Ausmaß seiner großen Begeisterung für Pflanzen und ihre Umwelt bewusst. Neben seiner Arbeit im Palmengarten besitzt er – nur noch – zwei eigene Gärten, sowie – nur noch – einen Pflanzenbalkon, auf dem er sich ganz gezielt einzelnen Pflanzen widmen kann. Seine Leidenschaft für Pflanzen wurde ihm von seinen Eltern in die Wiege gelegt und so bezeichnet er seine Reisen als eine Erfüllung. Seine Art, von diesen zu berichten, wirkt bedacht und voller Bewunderung für den Erfindungsreichtum der Natur. Nach zahlreichen Exkursionen in die Karibik und auf die Falklandinseln 2007, erfüllte er sich im Dezember 2017 seinen Traum, für drei Wochen gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfram KircherCristóbal Elgueta Marinovic und Klaus Oetjen das mediterrane Chile und verschiedene Vegetationstypen Patagoniens zu bereisen.
Die Welt scheint für Sven wie ein riesiger Setzkasten zu funktionieren, in den er sein Wissen als sinnliche Erfahrungen einsortiert, um so mit jeder Reise, mit jeder Beobachtung, ein wenig mehr über die Natur und ihre Zusammenhänge zu verstehen.
 

GB: Lieber Sven, fange ich mit meinen Fragen noch vor der Reise an: wie bereitest du dich inhaltlich auf eine Reise vor?

SN: Eine Reise plane ich im Vorfeld schon sehr intensiv. Ich habe mich dann im Idealfall bereits einige Jahre mit einem Florengebiet befasst und auch schon einen gewissen Bestand an Literatur zusammengetragen oder weiß zumindest, wo man sich bestimmte Bücher oder Infos organisieren kann. Für die Chile-Argentinien-Reise war es zudem so, dass ich im Vorfeld Kontakte zu Wissenschaftlern, Gärtnern, Pflanzen- und Ortskundigen aufgenommen habe. Prinzipiell versuche ich, mein Reiseziel mit der mir verfügbaren Reisezeit und der vor Ort bestehenden Infrastruktur in Einklang zu bringen. Stelle mir zunächst eine Wunschliste der Gebiete zusammen, die ich floristisch am Lohnendsten finde, und schaue dann, was sich mit welchem Vehikel oder auch zu Fuß erreichen lässt. Schon im Vorfeld versuche ich, die Touren anhand topografischer Karten, Wanderführer und Beschreibungen im Internet zusammenzustellen.

Prinzipiell nutze ich jede Gelegenheit dazu die floristischen Gegebenheiten oder auch die Gartensituationen vor Ort zu betrachten.

GB: Über welche Themen genau informierst du dich in der Literatur?

SN: Im Grunde gehe ich sehr ganzheitlich an die Sache ran. Je nach Gebiet schaue ich, welche wissenschaftliche „Papers“, Berichte oder Vorträge es gibt und was darin sowohl botanisch als auch gärtnerisch beschrieben wird. Auch sind Karten innerhalb dieser Recherche von besonderer Bedeutung. Geologische Karten und Beschreibungen geben Aufschlüsse über das anstehende Gestein und die Böden. Anhand topografischer und Verbreitungskarten kann ich mich über die Höhenzonierungen und die Vegetationstypen informieren. Zudem versuche ich, möglichst viel über die klimatischen Gegebenheiten herauszufinden und wie der jahreszeitliche Rhythmus der Vegetation mit dem Klima einher geht. Im nächsten Schritt geht es dann um die Details: Wo genau finde ich welche Pflanzengesellschaften und wie setzten sich diese dann zusammen? Welche Anpassungen haben die jeweiligen Pflanzenarten entwickelt, um sich am Standort zu behaupten? Welche Böden finde ich vor und warum entwickelte sich diese Pflanzengesellschaft ausgerechnet dort? All diese Punkte gehe ich dann meistens mit Checklisten, botanischen Reiseberichten und Florenbeschreibungen durch. Auf Online-Datenbanken schaue ich nach den Höhenverbreitungen bestimmter Taxa und vor Ort hat man dann schon eine Idee, in welchem Landschaftsabschnitt eine bestimmte Pflanzengruppe zu finden ist.

GB: Also ist jede Reise von langer Hand geplant?

SN: Es gibt auch mal spontane Touren, wie zum Beispiel die Exkursion im Juli 2014 in die spanische Sierra Nevada mit Berufskollegen. Da Thomas Eidmann die Sierra Nevada zuvor bereits intensiv bereist und entsprechende lokale Kenntnisse hatte, wusste er im Vorfeld schon, was wo zu finden sein wird. Er hat für uns die Reise geplant und wir sind für einen 4-Tage-Exkurs schnell losgeflogen. In solchen Fällen hat man auch nicht immer die Zeit, sich vor dem Abflug intensiv mit der Flora auseinanderzusetzen. Ich bin dann ganz praktisch nach dieser Tour an die spanischen Florenwerke rangegangen und habe mir dort die fehlenden Infos geholt. Das kann man vorher oder auch nachher erledigen, insbesondere wenn man einen kundigen Führer vor Ort hat.

GB: Sind diese Reisen Teil deines Berufslebens oder Eigenengagement?

SN: Das geht vollkommen ineinander über. Prinzipiell nutze ich jede Gelegenheit dazu, die floristischen Gegebenheiten oder auch die Gartensituationen vor Ort zu betrachten. Beruflich tragen Tagungen und teils damit verbundene Exkursionen in das Umland zur Weiterbildung bei. Privat halte ich dann genauso die Augen offen, da es mich drängt, die Schönheit der Natur zu erspüren. Während privater Urlaube nutze ich die Gelegenheit, hier und da kleinere Streifzüge oder Tageswanderungen in das Familienprogramm einzubauen.

Nationalpark Torres del Paine

GB: Du sprachst davon, dass du auch Kontakte am jeweiligen Zielort knüpfst. Wie gehst du das an?

SN: Das geht über soziale Netzwerke recht gut. Insbesondere kontaktiere ich aber auch direkt Institute und Pflanzenkundige der entsprechenden Regionen im Vorfeld oder mache einen spontanen Besuch und schildere mein Anliegen. Oft trifft man dann auf offene Menschen, die dann wiederum Kontakte weitervermitteln. Fotodokus, wie die Galerie des Botanischen Gartens Lautaret geben detaillierte Hinweise, wie diverse Pflanzengesellschaften aufgebaut sind. Häufig frage ich auch Kollegen aus anderen botanischen Gärten, um mir ein Bild vor Ort zu verschaffen, lese deren Veröffentlichen und Bücher. Wie zum Beispiel das Buch „Steppes“ vom Botanischen Garten in Denver, in dem die vier Autoren über die semiariden Regionen der Erde berichten. Mike Kintgen, Kurator der Alpinen-Sammlung im Botanischen Garten Denver, hat intensiv die patagonische Steppe Argentiniens bereist und beschreibt diese in dem Buch – ein wichtiger Baustein bei der Reiseplanung für die Chile-Argentinien-Reise im vergangenen Dezember. Ebenso war das Buch „Flowers of the Patagonian Mountains von Martin Sheader immens wichtig. Aber auch alte Werke aus der Palmengartenliteratur waren wertvoll für mich. Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre bereiste der Palmengarten Chile und Argentinien und darüber hat man dann in Sonderheften geschrieben, welche ich seit meiner jungen Gärtnerzeit in meiner privaten Bibliothek als Nachschlagewerk aufbewahre. Das Senckenbergische Institut erforscht seit langem die Region, sodass man sich auch aktuell auf dem Laufenden halten kann.

GB: Zur Karibik hattest du eine andere Verbindung …

SN: In der Vergangenheit verbrachte ich aus familiären Gründen viel Zeit auf der Insel Hispaniola. Das waren damals Langzeiturlaube über zwei, drei Monate. Häufig besuchten wir unsere Familie in der Cordillera Central und so begann ich, fasziniert zu schauen, was dort alles wächst. Gemeinsam mit meiner Familie und Freunden erweiterte ich den Radius der Exkursionen immer weiter. Ich knüpfte Kontakte zu lokalen Botanikern z. B. des Jardin Botanico Nacional und dem Instituto Loyola, las intensiv die Jahrbücher des Botanischen Gartens und fand mich immer mehr in der karibischen Pflanzenwelt zurecht. Die Touren führten mich dann in unterschiedlichste Gebirgsteile mit Nebelwäldern, kühlem Kiefernwald und ebenso kakteenbetonten Trockenbereichen. Nach und nach lernt man natürlich Leute kennen, mit denen man sich austauschen kann und baut Freundschaften auf. Und es gibt auch immer wieder Interessierte, die selbst dort hinreisen wollen und die mich wiederum nach Infos fragen. So entsteht über die Jahre ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig weiterhilft.

Das ist wohl eine Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit mit der Natur.

GB: Nutzt du ausschließlich deutschsprachige Literatur oder greifst du auch auf englische oder spanische Literatur zurück?

SN: Ich lese viel englische Literatur und jetzt für Lateinamerika habe ich den Vorteil, dass ich das Ganze auch auf Spanisch lesen kann.

GB: Du weißt also durch deine Recherche schon vorher, was dich später vor Ort erwartet. Etwas ketzerisch gefragt: Warum will man das Ganze noch live sehen? 

SN: Das ist wohl eine Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit mit der Natur. Zudem finde ich es immer wieder sehr spannend, wie sich alle Disziplinen, die ein Thema betreffen, vor Ort miteinander verbinden. Es reizt mich, diese grundsätzlichen Zusammenhänge zu verstehen. Warum kommt ausgerechnet dieses Lebewesen in dieser Region oder in diesem Ökosystem vor oder warum ist es verschwunden? Weil sich irgendwas verändert hat? Heute ist in diesem Zusammenhang auch der Klimawandel ein ganz wichtiges Thema. Ökologische Zusammenhänge verstehen zu wollen, zeichnete sich schon ein bisschen in meiner Kindheit ab, in der ich mich mit Mineralien und Fossilien befasste.

Calceolaria uniflora

GB: Weil du ja gerade davon sprichst, wie alles miteinander zusammenhängt, Geologie, Botanik, Klima und so weiter: dieses Gedankengut fußt ja auf einem humboldtschen Weltbild. Verstehe ich das richtig, dass deine Auseinandersetzung mit Alexander von Humboldt für dich und deinen Blick auf die Natur sehr prägend war?

SN: Das kann ich nur bejahen. Als im Jahre 1999 zum Jubiläum der amerikanischen Reise Humboldts und Bonplands verschiedenen Filme und Reportagen darüber gesendet wurden, nahm ich diese akribisch auf. Damals gab es ja noch Videorekorder. Ich habe dann viel über Humboldt gelesen. Das hat mich einfach noch mehr dazu bewegt, ihn als Idol anzusehen. Es hat mich begeistert, wie er die Natur gesehen hat. Seine Zitate und Aphorismen, die haben mich sehr berührt, insbesondere auch seine humanistische Einstellung. Gebirge haben mich immer besonders fasziniert und die sind bei Humboldt ja auch ein großes Thema. Seine Beschreibungen der äquatornahen Vegetation in den verschiedenen Höhenzonierungen bis zu den höchsten Gipfeln und die Analogie, die sich wiederum nord- und südwärts zu den Polen hin in ihrer Wuchsform nach gewissen Regelmäßigkeiten ähnlich strukturiert und aufbaut. Wenn man schon länger reist und beobachtet und je mehr man gärtnerisch aus vollkommen unterschiedlichen Regionen kultiviert hat, kommt man eigentlich immer wieder auf diese Anpassungen der mitunter unterschiedlichsten Familien, die aber doch ähnliche Wege gehen. Diese Gesetzmäßigkeiten und der Versuch, im Vorfeld so viele Rückschlüsse wie möglich zu ziehen, habe ich im Grunde bei Humboldt immer wieder herausgelesen. Überträgt man diese Erkenntnisse auf die gärtnerische Kultur, so lassen sich die Bedürfnisse der Pflanzen besser ausloten. Und trotzdem macht es manchmal erst nach 20 Jahren „Klick!“ und dann versteht man eine Sache besser. Das ist halt das Schöne am Grünen Beruf und in der Kultur der Pflanzen. Es ist ein stetiges Sich-Annähern an das Optimum, das ein künstlicher Standort hergibt. Manches versteht man, bis man sich aus dieser Welt verabschiedet, noch lange nicht. Da braucht man viele Gärtnerleben zu.

… oft sind es die stillen Momente, wenn man in einer völlig isolierten Gegend steht, wenn es ganz still ist.

GB: Hast du ein Zitat von Humboldt, das dich begleitet?

SN: Der Spruch, der ist ja eigentlich von Bonpland ist, “Ich komme von Sinnen, wenn die Wunder nicht bald aufhören”, der hat mich wahnsinnig geprägt und den kann ich immer wieder nachvollziehen, wenn ich in bestimmten Regionen ankomme. In einer gewissen Höhe in der dominikanischen Republik beispielsweise, so in tausend Meter Höhe, da gibt es auf der Südseite der Cordillera Central eine relativ offene Situation, an der sich der Nebelwald, zum Meer hinab bewegt. Dort trifft man plötzlich auf offene Bergpalmengesellschaften mit Prestoea acuminata, deren schlanke Stämme voll mit winzigsten Orchideen bestückt sind. Die ganze Region verströmt einen ganz speziellen Geruch. Vermutlich sind das die Gräser oder Farne, die eine ganz spezielle Note haben. Dann fliegt noch ab und zu ein Kolibri vorbei … Das sind die Momente, die ich mir dann im Detail einpräge. In dieser Umgebung zu stehen und einfach alles zu fühlen und wahrzunehmen … Das ist wohl das, was Humboldt oder Bonpland meinen: die Fülle gesehen zu haben. Die Faszination des Moments, die einen dann so überwältigt.

GB: Das klingt kontemplativ…

SN: Natürlich freut man sich auch oft mit Jubelrufen, wenn man eine bestimmte Pflanze entdeckt hat oder etwas ganz Neues sieht, das man noch gar nicht einsortieren kann. Aber ja, oft sind es die stillen Momente, wenn man in einer völlig isolierten Gegend steht, wenn es ganz still ist. Dann hört man nur einen Vogelruf, von einem seltenen oder typischen Vogel einer Region: das sind einfach Momente, in denen man in sich geht und einfach nur ist. Das tut sehr gut. Diese Situationen suche ich immer wieder.

Im Kakteenfieber bei Gobernador Costa.

GB: Wie dokumentierst du für dich deine Reisen?

SN: Einerseits fotografiere ich die Pflanzen und die Habitate, andererseits versuche ich auch, anhand eines Reisetagebuchs die Beobachtungen schriftlich festzuhalten.

GB: Du bist ja auch als Fachautor tätig und schreibst zudem Artikel zu deinen Reisen. Ich habe in der Gartenpraxis deinen Artikel über deine Reise zu den Falklandinseln gelesen und da kamen auch wiederholt Verweise auf die Flora Patagoniens vor. Ist die Patagonien Reise so etwas wie dein „missing link“ für dich gewesen?

SN: Unbedingt. Patagonien war eigentlich vorher geplant, schon Anfang der 90er-Jahre spielte ich mit dem Gedanken. Durch die Aktivität des Palmengartens und speziell auch durch die spannenden Vorträge Ursula McHardys inspiriert, hatte ich damals schon den Wunsch, da unbedingt mal hin zu wollen. 2007 bereiste ich dann gemeinsam mit Ursula McHardy für fünf Wochen die Falklands und hatte die Möglichkeit, die Flora intensiv kennen zu lernen. Auf den Falklands sind die Habitate relativ klein und mosaikartig verschachtelt, wiederum verlieren sie sich im Blick auf die recht homogen wirkenden Heide- und Graslandschaften, sodass man einen stetigen Wechsel zwischen Weite und Detail erfährt. Die verschiedenen Lebensräume liegen eigentlich nah beieinander und doch nimmt man sie in den ausgedehnten Flächen erst gar nicht so wahr. Die Inseln sind nicht bewaldet. Das ist in Patagonien eine ganz andere Komponente. Darum war es für mich ganz wichtig, auch diese kontinentale Seite kennen zu lernen, die doch um vieles größer ist, eine ausgesprochen diverse und endemitenreiche Flora besitzt und vor allem auch weitaus mehr Vegetationstypen hat.

Sven Nürnberger mit der Kamera auf Pflanzenjagd.

GB: Konntest du in den drei Wochen alles sehen, was du wolltest?

SN: Zumindest ansatzweise, die Region ist einfach zu vielfältig und komplex! In den 90er-Jahren interessierte mich besonders der Valdivianische Regenwald. Aber mit den Jahren kam immer mehr der Wunsch auf, das ganze System verstehen zu wollen. Deshalb diese extreme Tour von Santiago runter in die Seengebiete und über die Andenkette nach Argentinien durch die patagonische Steppe, dann wieder nach Chile zu den Torres del Paine bis zur Magellanstraße. Ein paar Abstriche musste jeder von uns machen. Eigentlich wollte ich gerne noch Ushuaia erreicht haben und hätte im Grunde auch noch gerne Chiloé mitgenommen, aber das war zeitlich nicht möglich. Dieses Vorhaben kann man ja dann auch nachträglich noch machen.

GB: Also es wird ein Wiedersehen mit Patagonien geben?

SN: Genau.

GB: Wieviele Kilometer seid ihr gefahren in den drei Wochen?

SN: Über 4000 Kilometer. Wir sind in den drei Wochen doch viele Schleifen gefahren, haben viele Seitentäler tangiert, sodass für manche Tour die Rückfahrt der Hinfahrt glich, um wieder auf die Hauptroute zu gelangen.

Pflanzen, die vielleicht für andere absolut Standard und alt bekannt sind, habe ich aber eben noch nie am Naturstandort gesehen. Das interessiert mich einfach.

GB: Bei deiner wirklich spürbaren Begeisterung: Hast du eigentlich eine Liste, mit Pflanzen die du am Naturstandort unbedingt noch sehen willst?

SN: Eine Liste habe ich jetzt nicht direkt, ich habe das alles eher im Kopf. Sicherlich sind es noch einige Reisen. Patagonien zum Beispiel war so eine unbedingte Reise, die schon lange, lange anstand. Sicherlich die Tafelberge in Venezuela und Guyana, das wäre so ein Highlight, das ich sehr gerne mal sehen würde. Ich möchte auch nach Nepal, Bhutan, das sind so Ziele. In den Tropen würde ich auch gerne nochmal mit den karibischen Inseln weitermachen oder einfach mal den ganzen Andenraum erkunden. Aber für die nächsten Jahre, das ist relativ sicher, steht erstmal Chile an. Argentinien hat mich aber auch sehr fasziniert. Sobald man Kontakte und Freundschaften geschlossen hat, ist das dann auch immer so eine Form der Regelmäßigkeit, dass man sich mit der Sache befasst und natürlich auch, dass die Möglichkeit besteht rüber zu fliegen. Aber auch Europa würde mich sehr interessieren.

GB: Europa?

SN: Natürlich, da gibt es so viele Orte, mit denen ich noch gar keine Berührung gehabt habe. Allein in den Alpen gibt es jede Menge Täler. Pflanzen, die vielleicht für andere absolut Standard und alt bekannt sind, habe ich aber eben noch nie am Naturstandort gesehen. Das interessiert mich einfach. Ich möchte mich nicht nur auf die seltensten oder spannendsten Pflanzenfamilien beschränken, sondern schon alles verstehen.

GB: Ja. Ich finde, manchmal fällt es einem auf, dass man gewohnt ist, eine Pflanze in dem traditionellen Kontext zu sehen, aber am Naturstandort sind diese dann doch nochmal irgendwie anders platziert oder stehen in einem anderen Zusammenhang …

SN: Genau, das ist es eigentlich. Auf den Falkland Islands gibt es zum Beispiel eine Cardamine-Art, eine Schaumkresse. Im Grunde, wie die klassische C. hirsuta, die man hier aus jedem Topf rausjätet. Aber dort, diese Cardamine glacialis sieht fast genauso aus, kommt plötzlich auf 400/500 Metern in einer Blockhaldenpflanzengesellschaft vor und lugt hier und da aus den Quarzitblöcken heraus. Sie gehört also in diese Flora. Man versucht zu verstehen, wie sie sich angepasst hat und wie ihre Strategie ist. Was für andere wahrscheinlich zum Gähnen ist, ist für mich eben total interessant.

Mit dem Leihwagen in der patagonischen Steppe.

GB: Wenn mich als Leser nach diesem Interview die totale Begeisterung überkommt, als Naturkundler loszuziehen, was für Ausflugsziele/Reiseziele schlägst du einem Einsteiger vor?

SN: Das kommt auf die Neigung an, welche Pflanzengruppen interessieren und welchen Aufwand man betreiben möchte. Schon ein Urlaub am Strand kann spannend werden, wenn man die Küstenklippen observiert oder schaut, welche Dünenpflanzen den Sand halten. Die Verbindung von Naturstandorten und lokalen Gärten gefällt mir im Urlaub auch gut.

GB: Gibt es auch für Interessierte geführte Gruppenreisen?

SN: Da gibt es einige sehr gute Anbieter. Wichtig ist es, dass man abwägt, ob man möglichst viele Naturstandorte sehen möchte und wieviel Pausen und individuelle Zeit man gerne für sich einplanen möchte. Da gibt es anstrengende Touren und auch sanfte, komfortable, teure, wie auch preiswerte Reisen. Die Reiseziele der AGS (Alpine Garden Society) sind z.B. spannend.

Das, was mich besonders berührt hat, habe ich versucht, mit in meine Gartenideen zu übertragen.

GB: Bist du aus deiner Sicht eher Gestalter oder Naturwissenschaftler? Oder möchtest du dich da gar nicht richtig positionieren?

SN: Für mich ist eher die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen entscheidend, die ich immer mehr aus meinen Erfahrungen entwickelt habe. Es ist ein stetig fortschreitender Prozess. Naturwissenschaftler bin ich nicht, da ich nicht studiert habe, aber ein autodidaktischer Gärtnermeister mit Forschergeist, das passt dann schon eher. Bereits während meiner Lehre suchte ich auf Kurzurlauben Berührung mit der Pflanzenwelt, beispielsweise auf Fuerteventura. Was wächst denn da eigentlich? Das habe ich nachgeschlagen. Ich kannte ja schon einiges aus dem Palmengarten. Diese kargen Vulkanlandschaften haben mich sehr inspiriert. In dem Wirkungskreis, in dem ich in Heidelberg oder hier im Palmengarten tätig war, boten sich immer wieder Versuchsfelder und Möglichkeiten, bestimmte Landschaftsbilder oder Pflanzengesellschaften nachzuempfinden. Das, was mich besonders berührt hat, habe ich versucht, mit in meine Gartenideen zu übertragen. Was mich heute besonders interessiert, ist die Andeutung von Vegetationsbildern mit Pflanzengruppen unterschiedlichster geografischer Regionen. Das ist eine ganz interessante Sache.

GB: Wir sprachen jetzt ja in Bezug auf deine Reisen über etablierte Pflanzengemeinschaften. Hier in Mitteleuropa ist es ja etwas anders mit der Kulturlandschaft, interessiert dich das auch?

SN: Ja, das interessiert mich prinzipiell auch. Bestimmte Kulturlandschaften sind ja durchaus sehr interessant und können sehr artenreich sein. Wenn man beispielsweise die Lüneburger Heide oder auch einige extensiv beweidete Steppenareale Argentiniens sieht, die sind natürlich schützenswert und ein Beispiel dafür, wie die Natur und die Ansprüche des Menschen einen Kompromiss fanden. Ebenso Orchideenrasen, die sich reich entfalten konnten, weil stetig die Mährhythmen von den Bergbauern eingehalten wurden. Was ich natürlich sehr kritisch finde, ist eine intensive Flächennutzung ohne jegliche Beachtung der natürlichen Prinzipien, die entgegen den Rhythmen der Natur und der Lebensgemeinschaften angewandt wird. Diese Form der Landwirtschaft richtet mittlerweile solchen Schaden an, dass funktionierende Habitate häufig nur noch relikthaft vorkommen. Der genetische Austausch ist nicht mehr gegeben, um Vielfalt und Fitness zu garantieren, um auf Standortveränderungen reagieren zu können.

Nothofagus-Wälder nahe Bariloche

GB: Das stimmt betroffen …

SN: Der Raubbau an der Natur und die damit verbundenen Klima- und Vegetationsveränderungen zeigen sich weltweit in einem verheerenden Ausmaß. Das alles sehe ich als großes Problem und ja, es frustriert mich manchmal sehr. Wichtig ist es, dass man bei alledem nicht den Gutmenschen mimt, sondern sich selbst kritisch betrachtet und nach Lösungen sucht und handelt. Mein Urlaubsflieger, mit dem ich die Pflanzen bestaune, fliegt bislang nicht ohne Kerosin und auch Biowaren sind häufig in Unmengen von Plastik gehüllt oder kommen teils von weit her. Bei allem, was man konsumiert, sollte man sich immer hinterfragen, welche Folgen und Konsequenzen es hat, und dann entscheiden, wo man sich einschränkt oder ganz neue Wege geht. Die Politik ist da vielerorts viel zu träge und rückständig. Lichtblicke gibt es da natürlich auch, zum Beispiel in Chile, durch die Ausweisung weiterer Nationalparks werden langfristig wichtige Flächen geschont. Obwohl ich prinzipiell ein optimistischer Mensch bin, vermute ich, dass die bekannte Metapher mit 5 vor 12 schon nicht mehr gilt, vielleicht ist es aber auch erst 4 vor zwölf. Die Möglichkeiten, das Kontingent für den Menschen aufzufüllen, sind ja durchaus da. Hoffen wir mal, die restlichen Organismen werden sich nach dem Verschwinden des Menschen sicher wieder entfalten, auch wenn es einige 100 000 Jahre dauern wird, aber das wäre ja traurig, wenn es für uns nicht weiterginge.

GB: Lieber Sven, herzlichen Dank für dieses Kopfabenteuer! Das Fernweh hat bestimmt nicht nur mich gepackt …

 


 

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